Gedichte und Aufzeichnungen von

Carl Otto Langen (dem Älteren), geb. 1820, gest. 1900

Auszug: Ansprache an meine Kinder bei der Feier meines 80. Geburtstages

am 12. März 1899

.......Die Schlußzeit meines Erdenlebens fällt zusammen mit dem Ende des entschwindenden und dem Anfang eines neuen Jahrhunderts. - Unwillkürlich richtet sich mein Blick auf die durchlebte Zeit, auf das zur Neige gehende Jahrhundert; es war eine Zeit gewaltigen Fortschritts im Guten wie im Bösen, eine Zeit reich an blutigen Kriegen und Revolutionen; aber auch reich an Werken des Friedens, eine Zeit reich an wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen, reich Erfolgen auf dem Gebiete der Kunst, des Handels und der Industrie; eine Zeit, welche das Dichterwort illustriert: ,,Das Alte sinkt in Staub, und neues Leben blüht aus den Ruinen!" Ich weise hin auf die gestürzten Throne, auf die Beseitigung der absoluten Regierungsformen, auf die Entfernung des Papstes als weltlichen Fürsten, auf das Absterben der Völker romanischer Rasse, auf das Zurückdrängen des Mohammedanismus durch die Bildung neuer christlicher Staaten an der unteren Donau, auf die Stellung und Suprematie Englands in Ägypten, auf die Wiedervereinigung der deutschen Stämme zu einem großen mächtigen Ganzen unter dem Zepter der Hohenzollern. In Rußland ist die Leibeigenschaft aufgehoben, in Amerika die Sklaverei beseitigt, Afrika ist in europäischen Besitz übergegangen, die chinesische Mauer ist durchbrochen, und das Wort vom Krieg wird in aller Welt verkündigt. Länder und Völker sind einander näher gerückt, gewaltige Dampfer durchkreuzen mit immer größerer Geschwindigkeit die Meere, eine Menge schnaubender Walrösser fliegt auf einem, den Boden der Erde überspannenden

Schienennetze alltäglich von Stadt zu Stadt, von Land zu Land; in wenigen Stunden vermittelt der Telegraph den Verkehr zwischen den entferntesten Ländern, auf weiteste Entfernung ist eine mündliche Unterhaltung ermöglicht; auf Stahlrädern mit luftgefüllten Gummireifen versehen, eilen die Menschen dahin mit Vogelgeschwindigkeit in ihren Berufsgeschäften; mit großem Kapitalaufwand werden Betriebe eingerichtet zur Herstellung elektrischer Kraft und elektrischem Licht; die alten Lichtspender: Öllampen, Talgkerzen sind verschwunden; Petroleum, Leuchtgas und elektrisches Licht an deren Stelle getreten.

Auch für die nötige geistige Ausbildung ist nach allen Richtungen hin umfassend gesorgt; ebenso ist auf dem früher ganz vernachlässigten Gebiete der inneren Mission Großes

geleistet worden, teils auf freiwilligem Wege, teils durch Bildung von Vereinen, teils auf dem Wege der Gesetzbildung; aber die Triebfeder dieses Fortschrittes ist mehr egoistischer als idealer Natur.

Glücklicher, besser, zufriedener ist die Menschheit nicht geworden; ein fortgesetzt sich steigerndes Jagen und Rennen nach Genuß, Wohlleben, Reichtum hat sich der Menschheit bemächtigt; die große Mehrzahl eilt dahin auf dem Wege, der zum Verderben führt; ohne nach dem zu fragen, was allein not tut.

Und wie am Schluß des vorigen Jahrhunderts durch eine blutige Revolution der Bürgerstand von dem Drucke des Adels und der Geistlichkeit sich frei machte, so ringt jetzt der Arbeiterstand nicht nur nach Gleichberechtigung, sondern mach Praeponderanz, nach Herrschaft, er würde vor keinem noch so bedenklichem und gefährlichem Mittel zurückschrecken, wenn es gilt, seine Ziele zu erreichen; aber noch fehlt es an der nötigen einheitlichen Organisation, welche die Grundbedingung des Gelingens und Erfolges ist. Unter solchen Verhältnissen ist sicher die Frage berechtigt: ,,Was wird das kommende Jahrhundert uns bringen?" Verborgen in der Zeiten Schoße ruhen noch der Zukunft dunkle Lose! Menschlicher Scharfblick vermag nicht den Schleier zu durchdringen, welcher uns die Zukunft verhüllt; aber die Heilige Schrift fordert uns auf zu achten, auf ,,die Zeichen der Zeit".

Alle die am Schlusse dieses Jahrhunderts vorhandenen ungelösten Konflikte, seien sie politischer, sozialer, religiöser, wissenschaftlicher oder kommerzieller Natur, gehen auf das kommende Jahrhundert über; sie werden zunehmen an Zahl und Schärfe, der Kampf wird mit Aufwendung aller vorhandenen geistigen und pekuniären Mittel, wenn auch oft im Geheimen, fortgeführt werden, überall ist Zündstoff die Menge vorhanden, blickt nur auf die Zustände in Frankreich, Österreich, Belgien, Spanien, Portugal und dem Orient; die Welt ist einem offenem Pulverfaß zu vergleichen, nur ein Funke braucht von ungefähr hinein zu fallen und die Explosion würde einen Brand verursachen, wie die Welt noch keinen gesehen.

Ob auch das scheidende Jahrhundert mit einem: Friedenswerke - einer von Rußland in Vorschlag gebrachten Abrüstungskonferenz sämtlicher Mächte abschließen wird; ob man auch das kommende Jahrhundert mit einem Friedenswerke, einer Welt- Kunst- und Industrieausstellung in Paris, zu der alle Völker der Welt geladen, zu eröffnen gedenkt, und ob die Welt ruft: ,,Friede! Friede!" es ist dennoch nicht Friede. – Unter der Asche glimmt das Feuer, die gewaltigen stehenden Heere werden allerwärts vergrößert, die Kriegsflotten vermehrt; im fernen Westen herrscht blutiger Krieg und im fernen Osten fällt das 9 Millionen Einwohner zählende Buddhareich in Trümmer; der römische Klerus liebäuge1t mit dem Sozialismus und bereitet in kleineren Kämpfen die Arbeiterbataillone vor zu dem großen Kampfe, durch den die neue Weltordnung herbeigeführt werden soll. - Wo aber das Aas ist, sammeln sich die Adler.

Als der Messias kurz vor seinem Ende dem um ihn versammelten Volke der Juden die Strafgerichte Gottes, den Untergang des jüdischen Reiches, die Verwüstung Jerusalems, die Zerstörung des Tempels vorher verkündigte, da wies er im prophetischem Geiste die Jahrhunderte durchschauend hin auf die Entwicklung der Dinge in unseren Tagen.