Wie kommt die Familie Gerd Langen (II d 1-4) nach Brasilien?

Auf diese Frage von Helmut Langen (II a 5-3 ) im Internet würde unser verstorbener Sohn Christoph gesagt haben: "Ein Viertel der Familie mit dem Flugzeug und drei Viertel mit dem Schiff!" Und wieso überhaupt?

Alles fängt mit Ramie an, Frau Martha Langens grösste Rivalin in einer bisher 53jährigen Ehe. Ramie ist eine Pflanze, lateinisch bohemeria nivea, die im Stengel Fasern hat, aus denen man starke Fäden machen und leinenähnliche Gewebe weben kann. Schliesslich und endlich kann man mit den Blättern der Pflanze, die einen sehr hohen Proteingehalt haben, Hühner füttern.

Und in einer solchen Spinnerei war Gerd Langen in Deutschland tätig. Der Rohstoff wurde hauptsächlich aus China bezogen. Auch gab es eine Zeitlang Ramiefasern in den USA zu kaufen. Dann kam das Jahr 1959.

Die Chinesen erklärten Ramie zu einem strategischen Rohstoff und sperrten die Ausfuhr. Die Amerikaner erklärten ohne Vorwarnung: "We have closed down our ramie-operations!" Die "Rettung" kam aus Brasilien, leider mit Vorbehalt. Die Muster waren sehr ordentlich aber die Lieferung entsprach leider nicht den Mustern. Es gab sehr viel Ärger und Probleme.

Daraufhin machte Gerd Langen seinem "Brötchengeber" , Studienkollegen und Freund Hermann Hoogen den Vorschlag , sich den Ramiemarkt und die Verarbeiter in Brasilien einmal genauer anzusehen. Mit Unterstützung der Firma Theodor Wille aus Hamburg besuchten die beiden Ende 1960 Brasilien und knüpften Kontakte mit brasilianischen Spinnereien. Dabei trafen sie auf eine kleine Spinnerei in "Inneren" des Bundesstaates Säo Paulo, deren Besitzer Deutschbrasilianer waren und die ihrerseits auf der Suche nach "know how" waren. Mentalität und Grössenordnung passten gut zueinander, und man einigte sich auf ein 45/45/10% Beteiligungsverhältnis, d.h. 45 % deutsche, 45% brasilianische und 10% "Vermittlungsbeteiligung" Theodor Wille.

Die Stadt im "Inneren" des Bundesstaates Säo Paulo heisst Amparo, und hatte damals 26000 Einwohner von denen ca. 15000 auf den Fazenden in der Landwirtschaft tätig waren. Technisch gesehen eine absolute "Diaspora".

Diese Tatsache musste beim Überholen und Verpacken des deutschen Maschinenparks sehr berücksichtigt werden. So ging das ganze Jahr 1961 mit diesen Arbeiten zu Ende. Im Januar 62 wurde die erste Sendung aufs Schiff gebracht, und Gerd Langen flog mit einem Techniker am 17.Februar 1962 nach Brasilien. Dort wurde dann im Laufe des Jahre 1962 die Spinnerei aufgebaut. Die gesponnenen Fäden wurden zum Teil nach Deutschland exportiert.

Mein Mann war von seiner Aufgabe so besessen, dass er keine Zeit fand, unseren Haushalt aufzulösen. Da wir gerade ein Haus fertiggestellt hatten mit einer Menge von Krediten, und mein Mann einen Fünfjahresvertrag für Brasilien unterschrieb, wollten wir das Haus auf jeden Fall verkaufen. Einen Haushalt aufzulösen ist eine recht komplizierte Sache. Wenn ich meinen Mann früg, was am besten zu tun sei, antwortete er: "Du machst schon alles richtig!" Es war eine sehr schwere Zeit bis ich am 30,04.1962 mit den beiden Söhnen durch die grossartige Unterstützung eines Herrn Bruno Holte, Vertreter des brasilianischen Teilhabers in Deutschland, an Deck der "Cap San Lorenzo " ging. Nach einer wunderschönen elftägigen Reise kamen wir am 12.05.1962 in Santos an. Mein Mann holte uns ab. Wir blieben einen Tag in Santos, um uns an das Klima und wieder aneinander zu gewöhnen. Am Abend wurde vor unserem Hotel am Strand ein phantastisches Feuerwerk gezündet, beileibe nicht zu unseren Ehren, es wurde der Sklavenbefreiungstag gefeiert.

In den ersten 5 Jahren wurde der Betrieb immer weiter ausgebaut, es wurde konstruiert und Konkurrenten wurden aufgekauft. Es zeichnete sich deutlich der Unterschied zwischen einem Entwicklungsland und einer ausgewogenen Wirtschaft ab. In Brasilien wollte man wachsen, in Deutschland wollte man sich stabilisieren. Die Firma in Brasilien wuchs in Grösse und Umsatz dem deutschen Mutterhaus über den Kopf. In Deutschland hiess es schliesslich, man wolle sich gesundschrumpfen. Und es kam wie es kommen musste: Deutschland verkaufte seinen Anteil an den brasilianischen Partner!!

Der brasilianische Partner und inzwischen Alleininhaber bot Gerd Langen die Gcschäftsleitung an. Eigentlich hatte er diese bereits während der ganzen Aufbauzeit ausgeübt. Nun mussten wir uns entscheiden. Bleiben oder zurück nach Deutschland? Die Entscheidung fiel nicht schwer. Wir alle hatten uns nicht nur gut eingelebt, nein, wir waren regelrecht verliebt in Brasilien. Die Söhne verlebten eine herrliche Kindheit auf dem inzwischen gekauften Sitio. Wir hatten Pferde, Hunde, Enten Hühner, im Obstgarten reiften Orangen, Zitronen, Mangas, Avocados, Mamao und was es an tropischen Früchten sonst noch gibt. Auch in der Schule, bei den Schulkollegen und den Lehrern waren unsere Kinder " integriert". Sollten wir sie wieder herausreissen? Und wir? Was konnten wir in Deutschland erwarten? Die deutsche Textilindustrie hatte in der Zwischenzeit gewaltige Einbussen hinnehmen müssen. Mit war zwar mein Arbeitsplatz in meiner alten Firma sicher, aber was erwartete mich dort? Hier war die Arbeit eine einzige wundervolle Herausforderung. Sie machte Spass, sie war von Erfolg gekrönt. Also hiess die Entscheidung: Wir nehmen an! Wir bleiben!

Die Söhne wuchsen heran. Sie machten ihre Schule zu Ende. Sie studierten. Sie gingen in ihren Beruf. Beide wurden Mediziner. Und beide heirateten sie brasilianische Kolleginnen. (Noch mehr Bindung an Brasilien). Und dann die Enkel, fünf an der Zahl.