Ansprache im Gottesdienst am 22. Oktober 2000 von Ernst Peter Langen

Schriftlesung:

Apostelgeschichte des Lukas

16:9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht; ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!

16:10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, hnen das Evangelium zu predigen.

16:11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis

16:12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.

16:13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo wir dachten, daß man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

16:14 Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.

16:15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

 

Liebe Verwandte!

Europa und wir!?

Eben haben wir gehört: So kam also das Evangelium nach Europa: Im Traum hört Paulus den Ruf: "Komm herüber und hilf uns." Und er folgt diesem Ruf.

In Philippi entstand dann die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden. eine kleine Gemeinde von ein paar Frauen, (Ist das typisch für die Kirche?) und die erste Christin in Europa war eine Ausländerin aus Kleinasien. Lydia aus der Stadt Thyatira im kleinasiatischen Lydien. Vielleicht war Lydia garnicht ihr Name. Vielleicht war sie nur bekannt als Lydia, als "die aus Lydien." ( heute etwa: "Die Türkin")

Und das Abendland wehrte sich gegen diese Hilfe. Paulus und Silas werden vor die Stadtrichter geschleppt. Die Anklage lautet: "Diese Menschen bringen unsere Stadt in Aufruhr; sie sind Juden und verkündigen Ordnungen die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind." Klingt das nicht irgendwie bekannt? (Die haben nicht unsere Leitkultur!) So landen Paulus und Silas im Gefängnis, in "Abschiebehaft".

Aber auch Paulus besitzt die römische Staatsbürgerschaft, so kommt es, dass er in Ehren aus der Stadt entlassen wird. Das alles ist natürlich viel komplizierter, wirtschaftliche Interessen sind mit im Spiel, wie zu allen Zeiten, wenn es vordergründig um Kultur und Religion geht.

Soviel zu Beginn als Erinnerung daran, dass das Christentum des "christlichen Abendlandes" ein Import aus Kleinasien ist und zunächst als fremd abgelehnt wurde. ( Nur zunächst?)

Am Anfang also ein Traum, Ruf eines Einzelnen: "Komm herüber und hilf uns!" Braucht Europa Hilfe aus Kleinasien? Heute?

1900 Jahre nachdem das Christentum zum erstenmal nach Europa kam, sind mitteleuropäische Unternehmer nach Kleinasien gefahren und haben laut gerufen: "Kommt herüber und helft uns." Und die Kleinasiaten sind gekommen und haben uns geholfen beim Wiederaufbau und beim Wirtschaftswunder, haben hier ihre Steuern gezahlt. Viele sind geblieben, haben Kinder und Enkel. Nicht wenige haben ihre Kultur, ihre Sitten und ihre Religion bewahrt. Sind sie jetzt Mitteleuropäer?

Damit sind wir bei der Frage: "Was ist eigentlich Europa? Wo fängt es an, wo hört es auf? Wer ist Europäer? Was ist europäische Kultur?" Ist nur der ein Europäer, der sich so angepasst hat, dass er unter uns nicht mehr auffällt? Wenn wir nicht lernen, Fremde in unserem eigenen Land als Mitteleuropäer zu akzeptieren, können wir die Einheit Europas vergessen. Es wird endlose Auseinandersetzungen geben, wie bisher in der Geschichte des "christlichen Abendlandes". Am Ende wird Europa zerbrechen wie die Vielvölkerstaaten Sowjetunion und Jugoslawien.

Kann uns bei der Einheit Europas das helfen, was Paulus als Hilfe nach Europa brachte? Ich denke: "Ja", wenn wir die zentrale Botschaft des Paulus ernstnehmen, dass wir allein von Gottes Liebe leben, allein von seiner Gnade, ohne all unser Verdienst und Würdigkeit, wie Luther es formuliert hat, und wie Paulus es im Römerbrief gesagt hat:. Wer selbst von der Liebe Gottes lebt, lässt auch andere von dieser Liebe leben. Konsequenz christlichen Glaubens ist darum Toleranz. Intoleranz ist Verleugnung des "Allein aus Gnaden". Diese Konsequenz zieht Paulus auch im Römerbrief.

Seine Botschaft ist: "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." (Römer 3,28) und: "Denn es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie bei Gott haben sollten und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. (3,22-24)

Also: Kein Unterschied vor Gott. An die Galater hat Paulus dies in die Worte gefasst: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, Hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." Wir sagen schon mal: "Vor Gott sind alle Menschen gleich." Das ist unverbindliches Geschwätz, wenn wir daraus nicht Konsequenzen ziehen für unser menschliches Miteinander. Paulus tut dies im 14. Kapitel der Römerbriefes.

In Rom muss damals in der christlichen Gemeinde ein Streit geherrscht haben zwischen "glaubensstarken" und "glaubensschwachen" Christen. Die "Schwachen" hatten dabei vor allem zwei Probleme:

1."Darf man als Christ Fleisch auf dem Markt kaufen und essen, wenn das Tier in einem heidnischen Tempel in Verbindung mit einem Opfer geschlachtet wurde?

2."Muss man als Christ sich nicht an besonderen Tagen anders verhalten als an gewöhnlichen Tagen?

Die "Schwachen" waren ängstlich, die "Starken " dagegen sagten: "Die Götter sind nichts, Christus hat uns von aller Ängstlichkeit befreit." Und diese Freiheit haben sie dann wohl auch demonstrativ gelebt. So kam es zum Streit, man urteilte übereinander und verurteilte einander.

Paulus schreibt:

14:1 Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen.

14:2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der ißt kein Fleisch.

14:3 Wer ißt, der verachte den nicht, der nicht ißt; und wer nicht ißt, der richte den nicht, der ißt; denn Gott hat ihn angenommen.

14:4 Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.

14:5 Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiß.Und

14:10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.

Christus hat uns von aller religiösen Angst befreit

14:14 Ich weiß und bin gewiß in dem Herrn Jesus, daß nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein.

14:15 Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist.

15:1 Wir aber, die wir stark sind, sollen das Unvermögen der Schwachen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.

Wer seine Freiheit und Glaubensstärke demonstrativ auslebt, handelt lieblos.

Paulus greift damit das auf, was Jesus selbst gesagt hat: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. "(Matthäus7,1+2)

Das "christliche" Abendland hat, denke ich, die Hilfe, die das Evangelium anbietet, noch nicht angenommen. Es hat noch viel zu lernen. Vor allem die Christen in Europa.

Die Haltung, mit der man Fremden begegnet ist in der Regel: "Entweder du passt dich an, wirst so wie wir, oder tust wenigsten so, oder du bleibst draußen."

Das "Allein aus Gnaden" dagegen kann eine solide Basis sein für ein friedliches Miteinander in gegenseitigem Respekt vor der Eigenart und dem Gewissen des Anderen. Dann wären wir vielleicht auf dem Weg zu einem wirklich christlichen Abendland.

Europa und wir Langens?!

Inzwischen sind wir über die Welt verteilt. Jeder kann sich an seinem Ort nach seinem Gewissen, christlich oder nicht christlich bestimmt, für Toleranz einsetzen und so seine politische Verantwortung wahrnehmen. Das schulden wir Uns und Europa.

In Jesu Gleichnis vom Gericht über die Völker (Matthäus 25,31-46) werden die Völker nicht nach ihrem christlichen Selbstbewusstsein gerichtet sondern danach, wie sie miteinander umgegangen sind. nach ihrem sozialen Verhalten. Wir leben in diesen Völkern und sind verantwortlich für den Weg des Volkes in dem wir leben, verantwortlich für Europa.

Zum Schluss ein Gedanke zum "Allein aus Gnaden" auch für das ganz Private.

Was wir geleistet haben in unserem Leben, Macht uns stolz. Wir haben es schließlich verdient.

Die Jünger Jesus stritten sich einmal darüber, wer der Größte, der Tüchtigste sei. Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte und sagte: hat gesagt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen.

Kleine Kinder können sich noch beschenken lassen ohne den Gedanken:, Was muß ich dafür geben. Sie können auch noch schenken allein aus Liebe. Das macht sie und uns glücklich. Das ist ein Vorgeschmack auf das Glück des Reiches Gottes. Leider gewöhnen wir dies den Kindern schon sehr früh ab. Sie müssen schließlich lernen, dass man sich alles verdienen muss. Aber ab und zu erfahren wir unverdiente Liebe. Das macht uns dann glücklich. Wir könnten es wieder lernen, uns und andere glücklich zu machen, wenn wir lernen, weltweit und ganz im Privaten aus dem "Allein aus Gnaden" die Konsequenzen zu ziehen.

Amen