"EUROPA UND WIR"
Vortrag von Roland Langen zum Familientag am 21. Oktober 2000 in Trier
Lieber Vorstand, Guten Morgen. Vielen Dank, daß solch ein Familientag stattfindet, vielen Dank, daß ich heute hier sein darf. Liebe Verwandte, herzlich willkommen! Wir wollen das hier formlos wie eine Familie halten. In meiner 2. Sprache, Englisch, gibt es nur das "Du". In meiner 3. Sprache, Brasilianisch, ebenso, außer daß meine Söhne ihren Vater in der Öffentlichkeit höflich in der 3. Person ansprechen sollten. Das wollen wir heute auf jeden Fall vermeiden.
Als Übersee-Europäer und als Urenkel von Eugen Langen (VIII) sehe ich sicher vieles aus anderer Perspektive.
Seit 1954 meistens im Ausland, sehe ich sicher vieles aus anderer Perspektive. Als Sohn von Eugen, Enkel von Adolf Langen und Anna Pfeifer und Urenkel von Eugen Langen, muß das wohl aus der Sicht des Stammes VIII sein.
Als Deutsch-Amerikaner sehe ich Europa wiederum teilweise mehr schwärmerisch, teilweise kritischer. Und das alles ändert sich laufend, so wie ich älter und vielleicht etwas weiser werde. Von Europa habe ich geschwärmt, solange ich denken kann. Das ist schwer zu erklären. Etwa wie Schönheit, oder Qualität. Es wird einem warm ums Herz, wenn man daran denkt, wenn es einem begegnet. Ich brauche nicht auf all die handfesten Dinge einzugehen, die von Europa kommen, teilweise über Amerika sich auf die ganze Welt ausbreiten. Ich sehe es wie eine größere Familie, umfassender als unseren Langen’schen Familienverband. Aufregender, komischer. Ich muß auf viel mehr Liebe zurückgreifen, um mein Verhältnis im Gleichgewicht zu behalten. Mehr als in meiner kleinen 4-köpfigen Familie, mehr als gegenüber meinen vier Geschwistern und der mittel-weiteren Familie. Aber es ist genau das: der Portugiese, dessen Sprache ich verstehe und lustig finde, der Rheinländer vom anderen Ufer (ich bin linksrheinisch), die junge Frau, die von ihrem Vorort in Moskau erzählt und sich dahin zurücksehnt, sie alle sind meine Gefährten, meine Geschwister. Ich mache Witze über sie, ich wüßte genau, wie sie alles besser machen könnten. Aber ich liebe sie. Ich bin ihnen nahe. Und das ist Europa auch. Es ist meines. Niemand nimmt es mir weg. Ich bin stolz darauf. Ohne es wäre Amerika nicht zu denken. 41% aller Amerikaner sind englisch-stämmig, 25% deutsch. Wie alle Statistiken wird diese auch nicht stimmen; wo bleiben dann die Italiener, Russen, Juden, Skandinavier usw. Aber so sehe ich Europa als Deutsch-Amerikaner.
Und kritisch bin ich natürlich auch wie in einer großen Familie. Wozu dies alberne Gerangel nach der Wiedervereinigung der Deutschen. Klar, daß das kostet. Zu was sonst könnte Geld denn da sein. Wie sie sich alle behumpsen in Brüssel. Wie auf einem vergnügten Jahrmarkt von Breughel. Alle wissen es, alle genießen es. Oder, tiefer im Unbewußten, wie sie es nicht lassen können in Allianzen und Konterallianzen zu träumen. Warum lernen sie so langsam? Sollen sie doch alle englisch sprechen. Wir haben genug alte Sprachen hinter uns gelassen. Sollen sie doch ihre albernern Währungen vergessen und den Euro an den Dollar hängen. Wie denn anders. Aber alle Ländchen werden von Politikern regiert und das ist einer der wenigen Berufe, die nicht gelehrt werden. Das ist schon frustrierend.
All das wißt Ihr so gut wie ich. Auch, daß ich kürzlich von Cannes nach Waldshut unangehalten und würdevoll fuhr. Das ging unter den Römern vor 2.000 Jahren und es geht jetzt. Deshalb ist es so begeisternd über "Europa und Wir" zu phantasieren. Bevor wir uns jedoch mit der Zukunft von Europa und unserer Familie beschäftigen, muß etwas aus der Vergangenheit und Gegenwart angesprochen werden.
Vergangenheit: Was bringt uns zusammen?
Eine Kette von Zufällen:
a) Johann Jakob Langen, dem Jüngeren (1794-1869), also der zweiten Generation Langen, gelang ein großer Sprung in der unwahrscheinlichen Gründerzeit des 19. Jahrhunderts im Rheinland. Diese einzigartige, schöpferische Zeit, vergleichbar vielleicht mit genau unserer Zeit, ["das Alte (Rohstoff-Fabrikation) sinkt, das Neue (Software-Technology) muß sich regen"] hielt an in der dritten Generation, von der sich unsere "Stämme" ableiten. Geniale Industrielle erfanden, konstruierten, organisierten.
Besonders erfolgreich waren Carl Otto in der Spinnereiindustrie, Gustav in der Zucker und Maschinenenbauindustrie, Emil in der Bergwerks-und Stahlindustrie und natürlich Eugen in der Zucker-, Maschinen-, Motorenindustrie und nicht zu vergessen, der Erfinder der Wuppertaler Schwebebahn. Von Albert wissen wir, daß er als Kaufmann in der Zuckerfabrik J. J. Langen & Soehne tätig war. Sein Sohn Albert ist allen bekannt durch seinen Simplizissimus und seinen Verlag und der Förderung moderner Schriftsteller und Künstler.
b) Ich als Sohn von: Eugen Langen [VIII L,1] und Erika Röltgen bin also "Halb-Langen", als Enkel von Adolf Langen und Anna Pfeifer bin ich dann nur noch ein "Viertel-Langen", von Eugen Langen (1833-1895) und seiner 2. Frau, Hermine Schleicher, bleibt mir nur noch ein Achtel, und am Schluß, als Ururenkel von Johann Jakob Langen dem Jüngeren (1794-1869) und seiner 2. Frau, Johanna Gustorff, bin ich nur ein "Sechzehntel-Langen". Ich bin gleichzeitig der Großvater von Alexa und Andrew Langen, die nur noch jeder "1/64 Langen" sind. Dies wäre so, wenn die Gesetze der Vererbung der Mathematik folgen würden. Wir wissen, dies ist viel komplizierter und reinrassige Langen wären nicht lebensfähig.
Meine Enkelgeneration in diesem Saal müßte durchschnittlich 64 Familienverbänden zugehören. Aber Familienverbände gibt es nur wenig, und wenn, dann haben sie eine Tradition, wie bei uns.
Familie Langen vor meiner Zeit (LFV 1934).
Was passiert nun, wenn man die Gedanken spielen läßt? Man denkt zurück, nicht 2000 oder 4000 Jahre, aber vielleicht 100-150 Jahre.
Im zu Ende gegangenen Jahrhundert wurde unser Familienverband auf Haus Etzweiler im Jahr 1934 gegründet. Es war am 17. Juni anläßlich des 85. Geburtstages von Hermine Langen, geb. Langen-Schleicher, der zweiten Frau von Eugen Langen (Stamm VIII). Mein Vater war dabei.
Ich muß hier etwas weiter zurückgreifen. Einerseits weil der Langensche-Familienverband heute und hier mehr Stämme hat als nur Stamm VIII. Man muß dabei auch wissen, daß diese Stämme alle Kinder von Johann Jakob dem Jüngeren numerieren und daß dieser, ein außerordentlich erfolgreicher Mann, der jedem seiner Kindern in bedeutende Wirtschaftszweige u.a. mit seinem Vermögen verhalf.
Eugen Langen, mein Urgroßvater hat den Verbrennungsmotor (Ottomotor) miterfunden und in der Gasmotorenfabrik in Deutz produziert. Wir alle, die ganze Welt, können uns unser Leben ohne die "Internal Combustion Engine" nicht mehr vorstellen. Nun holt einmal ganz tief Luft, atmet durch und meditiert über diesen Satz: "Ja, Eugen Langen hat den Verbrennungsmotor erfunden". Der vor all unseren Häusern puckert und lärmt, ohne den wir nicht mehr leben könnten. Und was wäre Wuppertal ohne die Schwebebahn?
Wenn wir Anfang dieses Jahres über Mannesmann und Vodaphone gehört haben, so auch hierzu eine kurze Geschichte. Das wunderschöne, und von einem namhaften Architekten gebaute Gärtnerhaus in Haus Etzweiler, hatte ein Mannesmann Tor. So etwas habe ich nie wieder gesehen. Wir wissen von der engen Zusammenarbeit meines Urgroßvaters Eugen Langen mit den Brüdern Mannesmann, als es denen zeitweise nicht so gut ging. Das zweiflügelige Tor steht heute in Arnold Langen’s Haus Bollheim am Eingang zum Garten.
Manche haben aber ihre Vermögen für ganz anderes benutzt, wie z.B. der Sohn Albert (X,c) des Stammvaters Albert Langen (X), auf den ich auf andere Weise besonders stolz bin. Dieser Mann hat sein Vermögen verbraucht für den Simplizissimus, für den Albert Langen Verlag und indem er gegen das System auftrat, schließlich exiliert wurde und nach Paris ziehen mußte. Sein Name ist aber auch verbunden mit denen von Hamsun, Björnson, Ibsen, Gulbrandson und anderen damals modernen Schriftstellern, Künstlern und Denkern.
In New York auf dem Flohmarkt habe ich 1989 für $ 95 den Simplizissimus "6. Kriegsband" (XXII, April 1917 - September 1917) gekauft. Als Albert’s Sohn, Bjoern Albert Bjoernson-Langen (X,c,2), vor zehn Jahren in Oslo starb, teilten die beiden Töchter dessen komplette Ausgabe.
Langens weltweit
Die Kinder und Enkel unseres gemeinsamen Stammvaters, Johann Jakob Langen der Jüngere, haben bereits neben dem Aufbau oder der Förderung der verschiedenen Industriezweige in Deutschland die Zusammenarbeit in den Nachbarnationen und z.T. darüber hinaus weltweit gesucht und betrieben.
So waren z.B. mein Großvater, Adolf Langen (VIII l), zusammen mit seinem Bruder Arnold (VIII m) bei der Deutzer Gasmotorenfabrik tätig und diese weltweit "verschmolzen" mit anderen Firmen, nachdem ihr 1877 das amerikanische Patent erteilt und die USA Produktion 1878 aufgenommen worden war (Britannica 1969 Bd. 12 S. 389 "Internal Combustion Engine"). Weiterhin kennt Ihr alle die Geschichte "von Wissmann, dem angeheirateten" Afrika-Forscher. Oder da ist auch die Geschichte von Hermine Schleicher, der "Frau Geheimrat", meiner Urgroßmutter, die 1907 es sich in den Kopf setzte und inspizieren wollte, ob ihr Sohn seiner kommenden Frau eine vernünftige Bleibe bieten könne. Als größter Pflanzer war Erich Langen (XIII p) bei den Eingeborenen von Deutsch-Samoa mehr anerkannt als der deutsche Gouverneur. Frau Geheimrat reiste begleitet von Erich’s Freund, Oskar vom Scheidt, über Indien, Australien, Neu Seeland nach Samoa und von dort nach Hawai und über Californien und die großen Nationalparks nach Canada und schließlich nach New York, wohin Erich seine Verlobte geholt hatte. Auf dem Dachgarten eines Wolkenkratzers empfing Hermine Langen ihre bisher unbekannte Schwiegertochter und gab ihren Segen.
Damals war die Welt so klein, daß die reichen Gründerfamilien sich alle miteinander kannten. So war sie selbstverständlich Gast in Hawai und Californien bei den Zucker - Spreckels. Ich habe ihre Reisebeschreibung von Tante Alex Merck-Andreae 1964 geschenkt bekommen und bin dafür dankbar.
Buckau Wolff, Poona, Indien.
Die Langenschen Gründungen des 19. Jahrhunderts führten nicht nur nach Philadelphia, der Gasmotoren-Fabrik, sondern auch nach Indien in die Nähe von Bombay, wo ich 1960 meinen Onkel Eugen Langen (Samoa) zufällig traf. Die Firma Langen & Hundhausen bzw. später Grevenbroicher Maschinenfabrik, war auch von Eugen Langen gegründet worden, um Zuckerfabrikmaschinen für diese Industrie zu bauen. Diese Firma überlebte als Teil der Maschinenfabrik Magdeburg-Buckau später in Grevenbroich als Buckau Wolff, die von Dr. Werner Langen (IV a 2) ueber viele Jahre geleitet wurde. Sie gehörte später zum Kruppkonzern. Unser Vorstandsmitglied Benita Langen kommt daher und in ihrem Haus habe ich als junger Motorradfahrer gerne und viel zu selten verkehren dürfen. Als ich nach meinem Business Administration Studium in Berkeley, Californien, um die Welt reiste, und unter anderem in Indien einen Guru suchte, der ohne das mißliche Mittel der Sprache sich verständigen würde, und diesen Guru nicht fand, half mir Onkel Eugen sehr lieb auf die Beine. Als er gerade in Bombay zu tun hatte und auf dem Wege zu seiner Tochterfirma in Poona war. Die Firma Buckau Wolff in Poona existiert noch.
Eugen und Klaus Langen konkurrieren in Indien.
Eugen (Samoa) "reiste" also "in" Zuckerfabrikationsmaschinen in Indien. Das gleiche tat aber auch sein schärfster Konkurrent, Klaus Langen (Dormagen) (VIII f 3) für die Gute Hoffnungshütte-GHH zur gleichen Zeit. Ich kannte und bewunderte beide Vettern; ob sie sich freuten, wenn sie sich im schwierigen Indien begegneten? Onkel Klaus starb an einer der typischen indischen Krankheiten. Er war vor dem Krieg Betriebsleiter bei P&L Dormagen. Wir hatten bei ihm und Tante Annemarie Station gemacht, als wir von Schloss Hackhausen zurück aufs linke Rheinufer durften, nachdem bei Zons im Mai 1945 eine Fähre oder Pontonbrücke - und unser großes Haus Etzweiler von der Besatzung - wieder für Zivilisten freigegeben worden war.
Gegenwart
Europa - 1950 bis zum Euro 1999
Als ich die Familiennachrichten las und daß wir im Robert-Schuman-Haus tagen würden, wurde es mir warm ums Herz. Ähnlich wie wenn ich auf meinem Motorboot den Namen "Wiedervereinigung" lese. So war ich froh, als ich hier reden durfte.
Robert Schuman Haus - Ein Ort grenzüberschreitender Begegnung, im Denken wie im Handeln. Ein Ort des Gesprächs und der Bereitschaft, Impulse zu finden für die persönliche Orientierung, Impulse zu geben für das gesellschaftliche Umfeld, politisch und kulturell - letzteres hoffentlich bei Wahrung der Eigenheiten in den verschiedenen Regionen. So sind die Zusammenschlüsse in der jetzigen und z.T. auch in einer erweiterten EU zu begrüßen und zu fördern.
Europa. Wie war das damals?
Der verdammte zweite Weltkrieg war über uns auf dem linken Rheinufer westwärts ("Siegreich wollen wir Frankreich schlagen" sangen vermutlich die jungen deutschen Landser zum Anfang des Blitzkrieges) und ostwärts (eine geschlagene Truppe) gerollt. Wir hatten besser als viele andere überlebt und waren dankbar. Auch über die Befreiung bei Recklingshausens im Schloß Hackhausen, durch prachtvolle, positive, junge amerikanische Soldaten, mit ihrem Traumauto, dem Jeep. Aber selbst ich Zehnjähriger wußte, daß das alles nie wieder passieren dürfte, daß es grundfalsch und -böse war.
Mein Vater war schon in der Jugendbewegung gewesen. 1946 folgte ich seinem Beispiel und trat mit meinem Bruder Jan den Freien Pfadfindern in Bergheim an der Erft bei. Wir "gingen auf Pfad". Langsam vergrößerte sich der Horizont des jungen Menschen: Belgien, Holland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Italien. Überall waren die Jungen und Mädchen wie wir. Genauso. Wir wollten alle dasselbe: "Auf Fahrt gehen" und miteinander sein. Und eben noch eins, gleich sein, Europäer sein. Nie wieder verschieden, nie wieder Feinde. Wir wollten das der Welt zeigen, der Welt beweisen. Das war unser Traum. Darüber sprachen wir. Und die Eltern der Jungen und Mädchen, die wir besuchten, die uns aufnahmen, waren genau wie unsere Familien, konnten ebensowenig verstehen, warum das alles hatte sein müssen. So war es klar, daß Robert Schuman, Konrad Adenauer, De Gasperi und auch Churchill, De Gaulle, George Marshall und Ghandi unsere Vorbilder waren.
Das alles wißt Ihr selber so gut wie ich, aber es sollte heute und hier gesagt werden, ich muß es aussprechen. Europa haben wir, die Wiedervereinigung auch. Eine neue Zeit ist hier. Das Millennium. Nun gilt es, die Europäische Einigung mit der Osterweiterung fortzusetzen und auch die Globalisierung, nicht nur der Wirtschaft, auszubauen. Zur Europäischen Einigung sind einige Eckdaten in unser Gedächnis zu rufen
Berufe der Familie Langen
Hier möchte ich zuerst auf die Berufe der Frauen eingehen. Aus meiner Sicht sind die Frauen in unserer bürgerlichen Mittelklasse nicht genügend ausgebildet worden. Meine Schwester Renate wurde von meinen an sich modernen und erleuchteten Eltern nicht weiter als bis zur Bibliothekarin ausgebildet. Es war dann auch für ihre Tochter, meine Nichte Alexa Nicolai Krebs, keineswegs einfach, das Architekturstudium zu beenden. Meine Cousine, Edla von Loessl Colsman, mit der ich streckenweise in Etzweiler aufgewachsen war, hat sogar, wie ich das mitbekommen habe, auch erst im reifen Alter, nachdem Kinder und Familie etwas mehr Zeit ließen, ihren Doktor machen können, und lebt in ihrem neuen Beruf. Diese Beispiele sind viele und wir sollten versuchen sie zusammenzubringen und davon zu lernen. Damen, die schon am Anfang des Jahrhunderts oder in den zwanziger Jahren akademische Berufe ergreifen konnten, wie meine Tante, Dr. chem. Irmgard Drishaus (Cousine meiner Mutter, geb. 1902) oder Dr. phil. Clementine Rittershaus (III, k, 9 geb. 1899) oder Dr. phil. Amelie Langen (III, d, 6 geb. 1893) oder Dr. Frida Jooss, geb. Langen (VIII p 4) und sicherlich noch weitere Frauen, die erwähnt werden müßten.
Was sind die "Berufe der Familie Langen"? Sind wir Angestellte oder Selbständige? Meine beiden Großväter waren selbständige Anwälte bzw. Ingenieure, mein Vater und seine drei Brüder bzw. Schwäger waren selbständig. Von uns fünf Geschwistern ist nur einer nicht selbständig, aber der in solcher Position, daß der Unterschied abstrakt wird. Meine beiden Söhne und meine Schwiegertochter sind selbständig. Ist das kennzeichnend für unsere Familie? Und was würde es bedeuten?
Sind es Ingenieure, sind es Rechtsanwälte, sind es Kaufleute, sind es Lehrer, Gelehrte, sind es Künstler, Schriftsteller, oder gar Soldaten, die unsere Familie prägten? Soldaten wohl kaum. Im vorvorigen Jahrhundert heirateten drei Langen’sche Großtanten Stabsoffiziere, Ernst v. Loessl, Brami Andeae und Herman von Wissmann und eine Pfeifer’sche Großtante, Schilling von Cannstadt. Diese "Belle-Epoque Angeheirateten" waren nicht relevant. Im WWII waren fast alle unsere Männer eingezogen und zu viele sind gefallen oder nach vielen Jahren erst aus Rußland zurückgekehrt. Haben diese uns geprägt? Ich denke immer noch an die, die ich kannte, die Gefallenen und die Spätheimkehrer.
Gibt es Künstler? Was fällt dazu ein? Fast möchte ich sagen - ohne alle Sachkenntnisse, ich habe den größten Teil meines Lebens im Ausland verbracht, auf der anderen Seite des Ozeans - bei Künstlern stellt sich in der Familie Langen für mich nicht sehr vieles heraus. Lieselotte Schramm-Heckmann, die die Frau Geheimrat, und uns als Kinder, in Etzweiler gemalt hat, muß irgendwie weitläufig verwandt gewesen sein. Die Cousine meines Vaters, Lore von Recklinghausen (VIII, k, 3), war ganz bestimmt Künstlerin, aber war sie anerkannt? Oder sind es die Musiker in den verschiedenen Stämmen? Wie z.B. Dorothe Schollwöck-Mendelssohn (III d. 4-1) oder ihre Mutter Leonie Mendelsohn-Langen, vielleicht auch bei angeheirateten Olaf Gubrandsson (X d 2) als Maler und Karikaturist?
Zukunft - Millenium
In Wirklichkeit beruhte die jetzige Jahrtausendwende auf mehreren recht willkürlichen Festlegungen und zwar auf der Berechnung des skythischen Mönches Exigus im 6. Jahrhundert, der rückwirkend unseren christlichen Kalender von der Geburt Jesu Christi an rechnete, und den Korrekturen durch Papst Gregor im 16. Jahrhundert. Seither gilt der "Gregorianische Kalender".
Aber für wen gilt er? Die Chinesen feiern Neujahr im Januar-Februar und seit einigen mehr Millennia, ähnlich wie die Juden. Hindus feiern im November und rechnen ihre Zeit in Cyclen von Jahrtausenden, Muselmane rechnen ab der Hegira und die Farsees in Bombay haben wieder ein anders Jahr und eine andere Zeitrechnung.
Unser gefeiertes "Millennium" ist also so welterschütternd nicht. Eingeführt durch das Christentum wird diese Zeitrechnung von der übermächtigen europäisch-amerikanischen Wirtschaftsmacht gestützt.
Berufe und Ausbildung im 21. Jht. - Buch oder Bildschirm?
Welche Berufe in unserer Familie typisch sein werden, ist z. Zt. weniger wichtig. Chancen werden nur die haben, die voll und evtl. führend an der Entwicklung zur elektronischen Datenverarbeitung im weitesten Maße teilnehmen. Das wird alle Berufe berühren, Ingenieure, Anwälte, Ärzte, aber auch Künstler, schöpferische Tätigkeiten. Digital-Musik und -Malen geben ihnen ungeahnte Schöpfungsmöglichkeiten zur Hand. Eins ist festzuhalten, die Fachkompetenz in jedem Beruf bleibt, Die Kommunikationskompetenz z.B. übers Internet, ist eine Ergänzung und bringt Beschleunigung in Entwicklungen usw. Ich nehme an, daß wir ohne dies nicht mehr effizient forschen können.
Langens werden dabei sein!
Führt dieser Weg, dieser Zwang zur Elite, zum Computer-Proletariat? Vielleicht. Aber der allgemeine gehobene Wohlstand wird es nicht zu "Luddite" Aufständen (Maschinenstürmer) kommen lassen, wie im England der Industrial Revolution.
Ich bin im "Beirat" von WLRN - Public Television, Miami. In den nächsten Jahren werden wir 84 weitere Kanäle haben, hauptsächlich in Zusammenarbeit mit der Schulbehörde. In jedem Klassenzimmer, in jeder Leihbücherei, überall wo junge Menschen zusammenkommen müssen oder wollen, werden sie Bildschirme finden, vor denen sie sitzen können. Warum?
Weil die "Jugend von heute" zumindest in Miami, nicht mehr von Büchern, sondern vom Monitor lernt. Lernen will oder kann. Das kommt aufs gleiche heraus. Nämlich, daß wir, die Gesellschaft, die wir diese jungen Menschen in den Arbeitsprozeß einführen müssen, und nicht als Sozialfälle durchziehen wollen, ihnen Computer vor die Nase setzen. Der Berg kommt zu Mohamed.
Ich warne aber gleichzeitig davor, seinen Verstand im Internet abzugeben. Fachwissen, Phantasie und Kooperation sind für jeden Einzelnen genauso wichtig wie EDV, Internet ...
Für alle, die sich der heutigen Computerwelt voll verschrieben haben, eine Antwort vom Boss der General Motors an Bill Gates.
"Wenn GM eine Technologie wie Microsoft entwickelt hätte, dann würden wir heute alle Autos mit folgenden Eigenschaften fahren:
- Die Autos würden ohne erkennbaren Grund zweimal am Tag verunfallen.
- Die Sitze würden eine einheitliche Gesäßgröße erfordern.
- Gelegentlich würde uns das Auto aussperren und wir könnten nur mit folgendem Trick
aufschließen: man zieht den Türgriff, dreht den Schlüssel und faßt mit einer Hand an die
Radioantenne.
- Man müßte den "Start"-Knopf drücken, um den Motor auszuschalten."
Unsere Sprache wird englischer
Ein kleiner Schritt, den wir alle längst getan haben, der uns aber psychologisch als ein Riesensprung vorkommt:
Es gibt circa zweitausend Sprachen auf der Welt und über 60 nur in Europa. Davon sind ganz wenige, wirkliche Weltsprachen. Und von den Weltsprachen ist eigentlich nur noch eine möglich, und das ist Englisch, weil die kleinen Engländer, Amerikaner, Deutsche, Russen und Chinesen vor ihrem Fernsehschirm, vor ihrem Monitor sitzen, auf Englisch. Darauf müssen wir uns einstellen. Und das ist nichts Negatives. Aber festzuhalten ist: als Muttersprache taugt das Internet- und Computer-Englisch wohl kaum. Ähnlich wie eine deutsche Einwandererfamilie sich ganz Amerika hingibt und mit den Kindern im eigenen Hause nur noch Englisch spricht. Das ist denkbar und wird leider viel zu viel getan. Diese Familie gibt eine wertvolle Tradition auf, mit der sie ihr Leben und auch das Leben der sozialen Einheit, in diesem Fall Amerika, bereichern könnte. Die Muttersprache (ebenso wie Religionszugehörigkeit) gehören mit zum Reichtum einer Familie, eines Volksstamms und sind damit wertvolles Kulturgut. Wir alle sind Deutsche, davon wird nichts abgetragen, wenn wir zweisprachig werden, wenn wir uns darauf einstellen, daß die Sprache, die wir außerhalb unseres täglichen Lebens, die wir im Verkehr mit der Umwelt, und natürlich im Verkehr mit dem Internet, benutzen, die Englische ist. Das muß ins Auge gefaßt werde und eigentlich an dieser Stelle, am Anfang dieses Jahrhunderts, auch im Langen’schen Familienverband gutgeheißen werden. Darauf muß eingegangen werden, das ist eine positive Entwicklung.
Wirtschafts- und Firmenstrukturen
Die heutigen Firmenzusammenschlüsse in Europa und weltweit sind sicherlich eine erforderliche Weiterführung der im 19. und 20. Jahrhundert u.a. von unseren Ur- bzw. Großvätern und Vätern ausgeführten Handelsbeziehungen (z.B. Schaffhausener Bankverein verschmolz damals in die Deutsche Bank und diese hätte dies Jahr fast die Dresdner übernommen).
Wir befinden uns mitten in einem nicht nur europäischen sogar weltweiten Strukturwandel. Die hierarchischen und starren Strukturen althergebrachter Unternehmen lösen sich auf. Kleine und mittelständische Unternehmen sowie auch die multinationalen Konzerne bauen neue Formen der zwischenbetrieblichen Kooperation auf - Teamarbeit - d.h. die Beschaffungs-, Vertriebs- und Kundendienstaktivitäten werden zusammengefaßt, um so auf den Märkten mit mehr Gewicht aufzutreten. Dies ist die Annäherung an virtuelle Unternehmen. Die Mitarbeiter mit hohem Fachwissen der naturwissenschaftlich-technischen Fächer d.h. Spezialisten mit gleichzeitiger Kommunikationsfähigkeit gewinnen an Bedeutung. Lebenslange Fortbildung und große Flexibilität werden von den Mitarbeitern gefordert. Bleibt Europa und Deutschland langfristig ein Wirtschaftsstandort mit reichlichen Arbeitsplätzen und damit verbundenem Wohlstand? Dies ist nur möglich bei schneller Nutzung des weltweiten Wissens, d.h. nicht nur des europäischen Wissens, und dessen Umsetzung in Innovationen in Deutschland. Durch die geplante Osterweiterung der EU werden sich attraktive, zukunftsweisende Märkte für Deutschland und die bisherigen EU-Staaten auftun. Es werden in den neuen Staaten hochentwickelte Produktionsstrukturen mit unserer Mithilfe entstehen.
Die derzeitigen Fehlschläge bei den großen Firmenzusammenschlüssen, siehe BMW - Rover oder Holzmann mit amerikanischem Partner liegt u. E. an der schlechten Teamarbeit in den Führungsebenen. Vielleicht auch, weil es Söldner-Manager sind, nicht mehr Namensträger-Eigentümer.
Innovationen, Forschungs- und Entwicklungsaufgaben, Erfindungen
Ich sprach eben von der Nutzung des Wissens für die notwendigen Innovationen in Europa und Deutschland. Statistiken sagen aus, daß im vergangenen Jahrzehnt weltweit mehr Kenntnisse erworben wurden, als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. In Deutschland werden davon circa fünf Prozent erzeugt. Dies zeigt Know-how ist länderübergreifend auszutauschen. Die Forschung und Entwicklung wird sich dabei auf einige Spitzenzentren konzentrieren und die deutschen und europäischen Forschungseinrichtungen müssen sich mächtig anstrengen, führend dabeizusein. Industrie, Hochschulen usw. und nicht zuletzt die Politik müssen gemeinsam dies wollen. Die Forschung und Wissenschaft müssen der Industrie beweisen, daß sich die Investitionen in diesen Bereichen lohnen. Die Politik muß die finanziellen Anreize schaffen. Den Lehrern und Bildungsministern in Deutschland muß einleuchten, daß eine starke Spezialisierung bei den Absolventen der Schulen ein Hemmnis ist. Neues - Erfindungen entstehen in der Regel an Schnittstellen zu anderen Bereichen - Disziplinen.
Aufgaben und Zielsetzungen für Europa bzw. global und für jeden Einzelnen
Wir und die gesamte Menschheit schleppen viele ungelöste Probleme mit ins 21. Jahrhundert wie z.B. Klimaveränderung, Umweltverschmutzung, Übervölkerung in einigen Regionen, Vergreisung in anderen Ländern, Flüchtlingsbewegungen, Aggressionen in Städten und Schulen, Schuldenlasten der armen Staaten und noch vieles mehr. Für die europäische Union kommt hinzu deren Osterweiterung. Die Frage ist nun, wie kommen wir zu Lösungen?
Auf ungelöste Probleme folgen die Zielsetzungen und die erfordern ein Handeln. Das Handeln bedingt Entscheidungen. Diese Schritte sind für jeden nachvollziehbar. Nur sehr oft wird dieser Weg von uns verlassen.
Schaffen dies unsere Politiker? Oft sind es nur Opportunisten. Sie kreisen um sich selbst und entscheiden so, wie es für sie, evtl. noch für ihre Partei, von Vorteil ist. Die Aufgaben sind inzwischen so schwierig, daß diese Menschen sie nicht allein lösen können. In der Eidesformel für unsere Politiker hat unsere Verfassung den Satz vorgesehen: "so wahr mir Gott helfe". Dieser Satz wird von einzelnen Personen weggelassen. Ob dahinter Überheblichkeit steckt? Oder wendet sich sogar das christliche Abendland und Europa von Gott ab? Jeder von uns ist aufgefordert seine Zielsetzung, sein Handeln und seine Entscheidungen zu treffen. Wir müssen unseren Standort bestimmen, für unsere Überzeugungen und Zielsetzungen einstehen und handeln. Es hängt alles davon ab, wie sich jeder einzelne und damit die Menschheit insgesamt entscheidet, ob sein Handeln zu Gottes Ehre dient - "liebe deinen Nächsten" - oder ob es Schaden anrichtet. z.B. auch den Computer können wir gebrauchen und mißbrauchen.
Nun zu jedem Einzelnen. Sicher sind nicht alle Menschen gleich und das ist gut so. Denn dadurch entsteht die Notwendigkeit, daß wir uns untereinander brauchen. Es gibt das bekannte Zitat: "Wenn wir alle Bäcker wären, würden wir verhungern". Bei jedem Menschen gibt es Grenzen seiner Fähigkeiten. Das ist ok. Aber jeder Mensch benötigt innerhalb seiner Fähigkeiten Zielsetzungen und Handeln auch im 21. Jahrhundert und auch in Europa. Es entsteht damit sein Profil.
Ich nehme an, daß jeder von seinen Eltern, Großeltern und vielleicht auch Urgroßeltern das Profil - die klare Richtung in deren Leben - angeben oder herausarbeiten könnte.
Einige Schlagwörter dazu:
- Egoismus bringt kein Profil
- Persönlichkeiten haben Profil
- Zur Weisheit gehört Selbsterkenntnis
- Durchstehen von Konflikten
- Erkennen der eigenen Grenzen
- wer nur träumt, wie toll er ist, weiß nicht wo seine Grenzen sind
- wer andere führen will, darf sich nicht in die Abhängigkeit von Geführten begeben
- jeder Mensch sollte für den anderen da sein
Es könnte eine weitere Vielzahl von Schlagworten genannt werden.
Vielleicht kommen noch einige Aussagen in der nachfolgenden Diskussionsrunde
Quantensprung des menschlichen Bewußtseins.
Das möchte ich hier und zum Anfang des Jahrhunderts in diesen ersten Familientag hineinbringen:
Das neue Jhd. seinerseits stellt uns vor "Schreckensscenarien, die unsere Phantasie anstacheln: Die Fähigkeit der Selbstnachbildung (ability to self-replicate), Gentechnik, Robotechnik, Nanotechnologie. Roboter bauen Roboter, submikroskopische Mechanismen vermehren sich unkontrolliert.
Laut: "The Age of Spiritual Machines" werden die Maschinen-Roboter gesünder sein als wir mit unseren jetzt schon falschen Zähnen, Hüftgelenken, Adern und Augenprotesen und Implantaten. Mehr Körperteile und Körperfunktionen werden ersetzbar sein, bessere Gehirne. Sogar die Gefühle, auf die wir so stolz sind mit unserer rechten Gehirnhälfte, würden die Maschinen wahrscheinlich besser empfinden und vermitteln.
Vielleicht werden wir einen anderen Platz in der Schöpfung einnehmen. Aber vielleicht geht es dann den Menschen, wie beim Turmbau zu Babel?
Die Technologien des 21. Jht. machen einen Quantensprung. Gilt dies auch für das menschliche Bewußtsein und das Gewissen? Welche Rolle kann dabei das Internet spielen? Kann es das Vehikel sein für politische Willensbildung auf grass-root Ebene? Werden die Politiker ebenso überflüssig wie die Pfarrer? Muß der Parteienstaat abgeschafft werden, damit sich Bewußtsein entwickeln kann?" (Andrees Elten, 27.3.2000)
Schluß
Und damit, liebe Verwandte, komme ich zum Abschluß.
Die technischen Errungenschaften in den vergangenen 150 Jahren sind immens, die des Neuen Jahrhunderts werden noch schneller noch größere Veränderungen bringen. Natürlich fürchten wir uns vor allem Unbekannten.
Solche Gedanken müssen uns darin bestärken, daß wir persönlich und durch den Familienverband Traditionen erhalten und fördern, sowie Erlebtes aus der Vergangenheit u.a. durch die Jahresgaben weitergeben können. Das wird uns in neuen Situationen kräftigen. Wir blicken mit Respekt zurück auf unsere Vorfahren. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, was wir heute tun müssen, um die Herausforderungen unserer Zeit mit gleicher Entschlossenheit anzunehmen, wie es damals unsere Vorfahren taten. Ich habe die Herausforderungen in Stichworten angedeutet und hoffe jetzt auf eine krtitische Diskussion.
Eins steht für mich fest:
Nichts hat sich an unserem Verhältnis zu Gott geändert. Wir sind fest in Gottes Hand, niemals war das anders und das kann auch niemals anders werden, daß wir am Ende zu Gott zurückkehren. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Der wahre Sinn unseres Lebens ist in dem Gebot zusammengefaßt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Matt. 22,39. Lieben und geliebt zu werden gehören zusammen.
Ebenso wie ich sicher bin,
daß die christliche Zukunftshoffnung bestehen bleibt, daß Jesus Christus zu jeder Zeit bei uns sein wird, auch im neuen Jahrtausend. Daß das so ist, dafür müssen wir dankbar sein, ich jedenfalls bin das.
In diesem Sinne können wir fröhlich den 1. Familientag 2000 feiern.
"He’s got the whole world in his hand".
Ich danke Euch für Euer geduldiges Zuhören.