Erste Nachrichten vom Familientag aus Hermannsburg:
Vortrag von Dr. Ekkehard Schnieber (Kompletter Vortrag als CD-ROM - Kopie kann bei Helmut Langen angefordert werden).

Artikel im
Hamburger Abendblatt
Link: http://www2.abendblatt.de./daten/2002/10/12/79863.html
Expedition nach Toten Island
Für viele Menschen ist ihre Familiengeschichte spannender
als jeder Fernseh-Krimi. Der Hamburger Internist Ekkehard Schnieber suchte in
Tansania den Ort, an dem sein Urgroßvater seine letzte Ruhestätte fand - vor
108 Jahren.
Dort, wo die drei großen Affenbrotbäume stehen!" Das
war der einzige Hinweis, den die kleine Expedition im Dschungel von Toten Island
bekommen hatte. Macheten und Spaten bahnen den Weg durch das grüne Dickicht.
Ein Helfer ruft. Teile eines Grabsteins schimmern zwischen Blättern hervor:
"Max Wulff aus Walsrode." Dann noch ein umgestürzter Stein, schließlich
vier weitere Gräber. Und da ist es: Im Schatten, zugewachsen von Bäumen, ist
auf schwarzem Marmor deutlich der Name Adolph Walter Schleicher zu
lesen.
Meter um Meter wird die vergessene Grabstätte freigehauen. Ekkehard Schnieber
(57), Internist aus Hamburg, und seine Tochter Anne (24), Medizinstudentin, sind
am Ziel. Sie stehen am Grab seines Urgroßvaters. 7000 Kilometer von Hamburg
entfernt.

Auf dem Kreuz steht:
Leben wir, so leben wir dem Herrn,
sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Und auf dem Stein heißt es:
Hier ruht in Gott
Mein geliebter Mann
Unser teurer Vater und Sohn
Dr. Adolph Walter Schleicher
Geb. 31/5/1854 in Antwerpen
Gest. 2/5/1894 in Tanga.
Wer war dieser Mann? Zeitgenössische Quellen beschreiben diesen Adolph
(richtig: Adolf) Walter Schleicher als gedrungene Gestalt mit "fast
zierlichen Gliedern", klaren, hellen Augen, einer "edel geschwungenen
Nase" und zarten Händen "wie die eines kleinen Kindes". Heute würde
man ihn so etwas wie ein Multitalent nennen. Er machte mit 17 Abitur, war mit 22
Ingenieur, leitete eine Motorenfabrik, versuchte sich als Mediziner und fand
seine Berufung als Forschungsreisender zwischen Afrika, Australien und Hawaii.
Er war neugierig auf Sprachen, ob Chinesisch, Arabisch oder Kisuaheli. Den
Entdeckerdrang hat er während seiner nicht einmal 40 Lebensjahre niemals
richtig stillen können.
Seine letzte Fahrt sollte ihn mit der "MS Reichstag" von Brindisi
durch den Suezkanal nach Sansibar führen, er musste aber wegen schwerer
Fieberschübe vorzeitig von Bord. Nach dem Krankheitsbild litt er vermutlich an
Malaria. Schleicher starb im Haus seines Freundes, des Sisalfabrikanten Carl
Perrot in Tanga (damals Deutsch-Ostafrika). Von dort erhielt seine Frau Anna,
Mutter von fünf Kindern, am 5. Mai 1894 in Berlin ein Telegramm: ". . .
wurde im Kreise aller Deutschen auf der vor Tanga gelegenen Insel Toten Island
beigesetzt . . ."
Leben und Tod dieses ungewöhnlichen Mannes waren im Kreis seiner Nachfahren
(Schleicher hat 28 Urenkel) bekannt. Nie ist aber jemand auf den Gedanken
gekommen, das unbekannte Grab im fernen Afrika zu suchen.
Da musste der Zufall helfen. Bei einer Reise in die US-Hauptstadt Washington
stieß Schnieber im Smithsonian Museum of National History in der Abteilung Power
Machinery zufällig auf die ersten in den USA hergestellten
"Otto-Langen-Gasmotoren". Otto? Genau: der deutsche Motorenerfinder.
Und Langen? Nun, Ottos Partner Eugen Langen war der Onkel eben jenes Adolf
Schleicher. So kam die Erinnerung zurück.
"Es kann nicht sein, dass man in den USA mehr über unsere Familie weiß
als wir selbst", dachte Schnieber, forschte nach - und bastelte an einer
Reise in die Geschichte. Honorarkonsul Jürgen Gotthardt und die Freunde vom
Rotary Club halfen bei der detaillierten Planung. Weil ein Freund, der mitfahren
sollte, kurz vor der Reise schwer erkrankte, sprang Schniebers Tochter Anne ein.
Tansania. So groß wie Deutschland, Frankreich und die Niederlande zusammen.
Reich an faszinierender Natur, bekannte Kulisse ungezählter Tierfilme:
Kilimandscharo, Ngorongoro-Krater, Serengeti, Victoria-See. Wilde Elefanten, Löwen
oder Büffel sind das größte Kapital des ostafrikanischen Staates. Tansania
ist auch nach dem Ende des "sozialistischen Experiments" des populären
Präsidenten Julius Nyerere ein stabiler Staat - trotz der Armut und krasser
Glaubensunterschiede: 35 Prozent Muslime, 33 Prozent Katholiken, dazu eine
hinduistische Minderheit.
Tanga, fünf Stunden von Daressalam entfernt. Tropisch warm, hohe
Luftfeuchtigkeit, die Kleidung klebt am Körper. Die Stadt hat knapp unter 200
000 Einwohner, ein paar erhaltene Gebäude aus der Kolonialzeit verraten den
einstigen Reichtum. Die deutsche Kolonie beutete hier noch Anfang des 20.
Jahrhunderts wertvolle Rohstoffe wie Sisal, Kautschuk, Baumwolle, Kaffee, Tee
und tropische Hölzer aus. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Tanga der größte
Sisal-Exporthafen der Welt. Eine Hauptstraße heißt tatsächlich nach der
deutschen Partnerstadt "Eckernförder Avenue", obwohl kaum jemand weiß,
was das bedeutet.
Immer noch leben einige Deutsche in Tanga. Der städtische Friedhof mit
englischen und deutschen Gräbern ist völlig verkommen. Der Soldatenfriedhof,
auf dem seit der Schlacht im November 1915 gemeinsam deutsche Soldaten und
Askari-Krieger liegen, wird gepflegt. Die gemeinsame Geschichte wird heute,
ungeachtet aller kolonialen Arroganz, liebevoll verklärt.
Bürgermeister Kassim Kisauji kümmerte sich drei Tage lang intensiv um seine Gäste.
Die Menschen in Tanga nannten Schniebers Besuch in ihrem kisuaheli-gefärbten
Englisch "das Ereignis des Jahres". Die Deutschen erlebten eine rührende
Betreuung mit vielen Gastgeschenken, darunter eine spendierte Fahrt zum
Naturwunder des Ngorongoro-Kraters ("Muss man gesehen haben").
Vom "Mkonge" (Sisal) -Hotel aus konnte Schnieber die Insel,
vielleicht einen Kilometer von der Küste entfernt, schon sehen. Toten Island,
eine unbewohnte Dschungelinsel, gerade 500 Meter mal einen Kilometer groß. Der
Name stammt tatsächlich noch aus der deutschen Zeit, als die Insel Quarantänestation
und - angeblich - auch Hinrichtungsstätte war. Kaum jemand hat sie je betreten,
der Aberglauben schreckte die meisten ab.
Vom heruntergekommenen Hafen aus ging eine bunt zusammengewürfelte Delegation
auf die Reise, unterwegs in drei Schiffen: die deutschen Gäste, der Bürgermeister,
Verwaltungsangestellte, Mitglieder des Rotary Clubs und ein Kamerateam des
tansanischen Fernsehens. Die letzten Meter legten sie wegen der Untiefen
entweder mit kleinen Speedbooten oder zu Fuß, bis zu den Knien im Wasser, zurück.
Ein aufregender Ausflug. Auf den Resten eines alten Anlegers ging es an Land.
Der erste Versuch, ins Innere der Insel zu gelangen, endete im Nichts, weil auch
die Macheten nicht mehr weiterhalfen. "Zurück zum Strand, einen neuen Weg
gesucht, erst einmal um die Insel herumgewandert", beschreibt Schnieber die
Ungewissheit. An Spuren einer vorkolonialen Moschee vorbei ging es diesmal.
Dieser Weg führte zum Ziel, zum wiederentdeckten Gräberfeld.
Bürgermeister Kassim Kisauji deutete auf den Grabstein und sagte: "Your
property!" (Bitteschön, Ihr Besitz). So werden die Reste des einst
sozialistischen Staatsbesitzes verteilt.
Die Reise hatte insgesamt elf Tage gedauert, davon ein Tag auf der Insel,
vielleicht eine Stunde vor dem Grab. Gefühle? "Es war eines der
aufregendsten Erlebnisse meines Lebens", sagt Schnieber. "Die
emotionale Ebene ist nicht so stark - das war schließlich mein Urgroßvater!
Aber es ist schon bemerkenswert, so ein Abenteuer zu einem guten Abschluss zu
bringen."
Schnieber will der Poliklinik der medizinisch unterversorgten Stadt Tanga aus
eigenen Mitteln ein Ultraschallgerät schenken. Sein Rotary Club Lauenburg/Mölln
hat eine zusätzliche Spende geplant. Die Hilfe ist lebensnotwendig: Tansania
ist von Aids geschüttelt - schon mehr als eine Million Opfer senkten die
Lebenserwartung auf unter 50 Jahre.
Der Hamburger Arzt hat neue Pläne: "Ich werde sicher noch einmal mit
meinem Sohn dort hin fahren." Im Familienverband will er die Urenkel Adolf
Schleichers "in die Pflicht nehmen, das Grab zurechtzumachen - ich denke,
das wird klappen". Es sind schließlich 28 an der Zahl.
Der Vorstand des Familienverbandes hat nach dem Eingang einer Spende von 50,- € beschlossen, insgesamt 200,- € an Ekkehard Schnieber zu überweisen.
Hierauf erhielten wir am 6. März 2004 folgendes Dankschreiben mit Anhang :
Lieber Herman,
[...] Herzlichen Dank auch für die Überweisung. Fast zeitgleich ist jetzt eine Mail aus Tanga vom Rotary-Club gekommen, und was ich schon nicht mehr für möglich gehalten hätte, die kompletten Grabanlagen sind doch tatsächlich schon weitgehend renoviert worden, und das für einen anständigen Preis, der bei uns mindestens das 20-fache kosten würde, da alles auf die ziemlich unzugängliche Insel transportiert werden muß.

Die Bilder zeigen Ansichten vom Gräberfeld vorher und nachher.
Ich schicke dir den Brief des Rotary-Vorsitzenden und die Bilder über die ersten Arbeiten. Vielleicht findet sich der eine oder andere aus dem Familienverband, der eine Reise nach Tansania jetzt mit einem Besuch von Toten Island verbinden möchte. Wir sollten den Brief und die Bilder als Ergänzung ins Internet stellen.
Weitere Kenntnisse werden umgehend zugesandt.
Herzliche Grüße an alle Birgit und Ekkehard Anne und Alexander Schnieber
Auszug aus dem Brief des Rotary-Vorsitzenden in Tanga vom 15. Februar 2004 :
[…] We managed to do the rehabilitation of the graves at Toten Island in December. Logistically it was quite an undertaking. We managed to do it within the proposed costs. We think that the graves look very presentable again and we still plan to plant some small flowers at graveyard. We advanced the money from our Rotary account and hope that funds will be reimbursed as agreed. Attached we send some pictures of the rehabilitated graves. […]
All the best
Luuk Schoonman