Predigt auf dem Langenschen Familientag, 17.-19.9.2004 in Bonn
Pfarrer Bernhard Schmidt, Groß Glienicke (Stadt Potsdam),

Liebe Gemeinde, liebe Familie!

"Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch." Das ist das Motto dieses Sonntags und der bekannteste Vers aus dem Predigttext für heute. Mit diesem Satz wäre eigentlich schon alles gesagt, was aus der Sicht von Christen zum Thema Sorge zu sagen ist. Alle eure Sorge werft auf ihn, auf Gott. Der Satz klingt leicht, verführerisch leicht. Ich kenne ihn seit frühester Jugend, schon im Kindergottesdienst und in der Christenlehre habe ich ihn kennengelernt und nachgesprochen. Vielleicht wusste ich damals noch gar nicht, was Sorgen sind, aber der Satz in Luthers Übersetzung mit den zwei Bedeutungen von "Sorge" klang so schön und prägte sich leicht ein, und vielleicht war ich auch ein wenig stolz, einen Satz aus der Bibel zu kennen, die da so ehrwürdig und feierlich auf dem Altar unserer Moritzkirche in Halle lag.

Als dieser so verführerisch leicht klingende Satz zum ersten Mal in einem Gottesdienst gelesen wurde, da gab es unsere Bibel mit dem Neuen Testament noch gar nicht, aber die Sorge gab es schon. Nicht nur die Sorgen, die wir auch kennen, die Sorgen um den Arbeitsplatz und das Einkommen oder die Rente, die Sorge um die Gesundheit, die Sorge um die Kinder und um die Alten, die Sorge und den Frieden in der Familie und um den Frieden in der Welt. Aber es gab da auch eine Sorge, die heute nur noch wenige kennen, die Sorge um den Glauben. Genauer gesagt: die Menschen sorgten sich um ihr Leben wegen ihres Glaubens. Sie fürchteten um ihr Leben, weil sie an Gott und an seinen Sohn Jesus Christus glaubten und nicht an die Götter des Römischen Reiches. Dunkle Wolken zogen sich über ihnen zusammen, denn sie hörten von Christenverfolgungen durch den römischen Staat und seine brutalen Soldaten: "Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe", sagt der Apostel und mahnt seine kleine christliche Gemeinde zur Vorsicht, zur Wachsamkeit und zur Treue, weil schon über viele Brüder und Schwestern in der Welt Leiden hereingebrochen sind.

1.Petrus 5,5-11

Wahrscheinlich sind nur wenige unter uns, die wissen, was es bedeutet, den Glauben vor der Welt verstecken zu müssen. Selbst im dritten Reich und in der DDR war die Kirche ja nicht verboten, auch wenn es gefährlich sein konnte, offen zu sprechen. Ich erinnere mich noch, wie die Berliner Gethsemane-Kirche im September 1989 von zivilen Polizisten und Stasileuten umzingelt war und wir Angst hatten hineinzugehen. Aber im Ganzen ist das doch glimpflich ausgegangen. In den ersten Jahrhunderten wehte ein wesentlich schärferer Wind: Zu der ständigen Angst, ertappt und verhaftet zu werden, kam die Sorge, kein Wort zu viel zu sagen und immer auf sich aufzupassen, auch um andere nicht in Gefahr zu bringen. Es wird viel geflüstert in solchen Zeiten; es wird viel Doppeldeutiges gesagt und getan.

Gegenüber diesen Ängsten wirken viele unserer Sorgen eher klein, und wir können die Menschen nur bewundern, die damals, etwa im Jahre 90 n. Chr. ihren Glauben an den dreieinigen Gott nicht verraten haben. Sie sind Zeugen geworden, dass Widerstehen möglich ist, und ohne ihre Treue hätten wir den Glauben nicht. Wir werden nicht nur nicht verfolgt, wir können unseren Glauben sorglos bekennen und sind dabei sogar vom Staat geschützt. Die EU hat in ihrer Verfassung den Schutz der Religion und die Freiheit der Religionsausübung sogar noch verstärkt. Dafür können wir sehr dankbar sein. Man kann ja auch mal für eine Sorge danken, die man nicht hat. Trotzdem bleiben Sorgen und wir sollten uns fragen, wie ein freier Glaube an Gott uns bei unseren Sorgen helfen kann.

Liebe Familie, wer aufmerksam und nachdenklich und sorgfältig lebt, macht sich Sorgen. Das wusste auch Friedrich der Große, als er in Potsdam Schloss und Park Sanssouci bauen ließ, mit dem man von den Sorgen abgelenkt werden sollte. Und der Philosoph Martin Heidegger bezeichnet die Sorge als die spezifische Art des menschlichen Daseins. Indem wir da sind, sorgen wir uns, entweder um uns selbst oder um unsere Angehörigen oder um die Zukunft der Gesellschaft und um die Welt, in der wir leben. Unsere Erde ist ein Sorgenkind, und wer sich da nicht sorgt, ist verantwortungslos. Darum meine ich: Sorgen sind nichts Verwerfliches, im Gegenteil. Sie sind nötig und weisen oft auf ein Problem hin. Sorgen sind wie ein Zeiger, der auf etwas hinweist. Der römische Philosoph Seneca hat gesagt: "Die Sorge vollendet den Menschen zum Guten."

Also, auch Gott schenkt uns kein sorgenfreies Leben, obwohl viele sich das natürlich wünschen und die Werbung uns ständig vorgaukelt, dass wir sorglos leben könnten, wenn wir diese oder jene Versicherung abschließen oder dieses oder jenes Mittel nehmen würden. Der Glaube an Gottes Hilfe und Beistand im Leben bedeutet nicht, dass Menschen keine Sorgen mehr haben und unbeschwert durch ihr Leben schweben können. Wenn es so wäre, wären ja auch wir Seelsorger und Fürsorger überflüssig. Nein, die Sorgen gehören dazu, und auch Jesus hat sich Sorgen gemacht, auch wenn er im Evangelium die Sorgen des Wohlstands tadelt und sagt: "Sorget nicht um euer Leben usw." Aber Jesus weist hier darauf hin, dass wir lernen müssen, die Sorgen zu unterscheiden.

Doch wo echte Sorgen sind, da muss auch Hilfe her und da ist der flüchtige und oft unüberlegte Satz "Mach dir keine Sorgen" keine Hilfe und sollte uns Christen nicht über die Lippen gehen, wenn uns Menschen um Rat fragen. Gegen die Übermacht der Sorgen gibt es eigentlich nur eine Hilfe: Die Sorgen ernst nehmen, aussprechen und abgeben. Aber nur was ich genau kenne und benennen kann, das kann ich auch abgeben, kann ich auch loswerden, damit die Sorgen nicht als namenlose Ängste in uns leben und Unheil anrichten. Darum will ich meine Sorgen ernst nehmen, will davon erzählen und will sie nicht einfach wegwischen oder mich ablenken oder sie ertränken. Und wenn ich mit anderen darüber rede, kann es sein, dass sich eine Sorge schon beim Aussprechen als unbegründet erweist, kann es sein, dass ich von Anderen Hilfe bekomme. So rät auch der Apostel Paulus: "Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." Da sagt mancher: Ich weiß niemanden, dem ich meine Sorgen aufbürden kann. Jeder hat doch mit sich selbst genug zu tun. Da muss ich sagen: Schade, dass viele vergessen haben, dass es den Berufsstand des Seelsorgers gibt. Vielleicht sind wir auch selbst Schuld daran, dass wir dieses Feld vernachlässigt und es völlig den Psychologen überlassen haben. Darum finde ich gut, dass es im evangelischen Berliner Dom neuerdings wieder die Möglichkeit der Beichte gibt. Zwanglos und anonym. Denn was ist die Beichte anderes als eine Gepäckaufgabe, und zwar wirklich eine Auf-gabe, eine Hinaufgabe. "Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorget für euch."

Aber dann gibt es auch Sorgen, die mir kein Mensch abnehmen kann, die Sorge um ein krankes Kind zum Beispiel. Oder Sorgen, die ich keinem Menschen mitteilen möchte, die Sorge um die eigene Schuld. Da kommt mir die Aufforderung gerade recht: "Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!" Über die Sorgen, die ich mit keinem Menschen besprechen und teilen kann, kann ich mit Gott sprechen. So will ich ihm meine Sorgen zuwerfen, indem ich sie ihm erzähle. Das ist Gebet. Gebet ist schlicht Gespräch mit Gott. Im Gebet rede ich mir etwas von der Seele. Ich bekomme Abstand, wenn ich erzähle. Ich fasse in Worte, was mich bewegt und bedrückt und bedrängt, und dieses Aussprechen und Erzählen gibt mir Luft und neue Kraft. Da kann vielleicht sogar die Erkenntnis beruhigen, dass man nichts ändern kann. Schon höre ich: Auch vom Beten gehen die Sorgen nicht weg... Wer weiß? Vom Apostel Paulus wissen wir, dass er mit einer schweren Krankheit geschlagen war, und dass er dreimal zu Gott gebetet hat. Die Krankheit behielt er zwar, aber er bekam eine Erklärung: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Zum Schluss noch eine Verheißung. Nicht nur, dass die Sorgen kleiner werden, wenn man sie erzählt. Nicht nur, dass es nichts kostet, wenn ich hier meinen seelischen Müll ablade, nein, wer das tut, wird sogar dafür belohnt mit der Fürsorge Gottes. Indem wir ihm unsere Sorgen zuwerfen, übernimmt er die Sorge für uns. Unsere Sorge wird in seine Sorge umgewandelt. So ein Angebot. Komisch, dass wir da so zögerlich zugreifen.

Amen.