Neue Verantwortung in der Arbeitswelt?

Referat am Langenschen Familientag
Bonn, 18. September 2004
Von lic.rer.pol Claude Schmutz, CH-Muttenz

1. Das steigende Unbehagen

Voll ausgesprochen heisst der Titel meines Referates: "Brauchen wir eine neue Verantwortung in der Arbeitswelt?" Warum dieser Titel, diese Frage? Aus dem Titel spricht offensichtlich ein Unbehagen: ein Unbehagen, dass sich etwas nicht so entwickelt hat wie wir uns das vorgestellt oder gewünscht haben.

Ich rede hier zu Ihnen als einer, der fast 30 Jahre in intensivster Art und Weise in der Arbeitswelt auf - ich darf das sagen - globaler Ebene tätig war. Ich werde das Thema also aus der Sicht des Managers und der Führungskraft, also als Mittäter ansprechen.

Im Laufe meines Lebens habe ich aber auch persönlich einschneidende und entscheidende Erfahrungen als Privatperson gemacht. Sie spielen bei der folgenden Bearbeitung der Frage des Titels eine Rolle. Darum enthält mein Referat auch persönliche Erfahrungen und Meinungen.

Diese Lebenserfahrungen sind der Grund, warum ich in meinem Referat über Dinge reden werde, die Sie so vielleicht noch nie gehört haben oder mit denen Sie nicht einverstanden sind. Sie sind natürlich frei, diese anzunehmen oder abzulehnen.

Aber es ist wichtig, dass Sie meine Aussagen prüfen. Wenn Sie damit Mühe haben, so prüfen Sie bitte, was die Gründe sein könnten. Entscheiden Sie erst dann über Annahme oder Ablehnung. Diese Entscheidung kann für Ihr Leben sehr wichtig sein, wie sie es für mein Leben war!

Lassen Sie mich nun die möglichen Gründe aufführen, die zum Unbehagen über die Entwicklung in der Arbeitswelt der letzten Jahrzehnte und damit zur Frage im Titel führen. Ich möchte dabei klarmachen, dass die Entwicklungen in den letzten Jahren auch sehr viel Gutes gebracht haben und wir in den "alten Zeiten" nicht in einer heilen Welt lebten.

Allgemeine Entwicklungen in der Arbeitswelt, die ein Unbehagen auslösen:

Wohl ausnahmslos wird bestätigt, dass das Wirtschaftsklima in den letzten Jahren härter geworden ist.

Wir erleben eine Ökonomisierung aller Bereiche (Krieg des Geldes/Geist des Mammons).

Es wird von einer zunehmenden Entmenschlichung in der Arbeitswelt gesprochen.

Als Folge der Globalisierung ist der persönliche Beitrag der Arbeit nur noch ein kleiner Teil in einem kaum mehr überschaubaren Prozess (Sinnverlust der Arbeit).

Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft werden teilweise aufgehoben (Wochenarbeitszeiten/Mitarbeiter auf Abruf).

Trotz stetig gesunkener offizieller Arbeitszeit ist in vielen Bereichen, vor allem bei Führungskräften, die reale Arbeitszeit gestiegen.

Für viele Menschen liegt die Befriedigung nicht mehr in dem was sie tun, sondern in dem was sie für ihre Arbeit erhalten (Bonus; Optionen).

Nicht mehr die Kunden, sondern die Finanzmärkte sind die wichtigsten Treiber für unternehmerische Entscheidungen.

Der Gewinn bzw. der Kapitalwert von Firmen wurde zunehmend zum zentralen "Sinn" des Wirtschaftens (Shareholder Value).

Als Folge dieses Drucks haben Fehlverhalten von Führungskräften wie ungetreue Geschäftsführung, Bilanzfälschung und teure Fehlentscheidungen zugenommen.

Die Führungsspitzen werden wegen unmoralischer Bereicherung an den Pranger gestellt (Abzocker), während dem die unteren Stufen zunehmend unter Druck kommen.

Werte wie Vertrauen, Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt und Würde haben an Bedeutung verloren.

In der Werbung fallen die letzten Tabus.

Unternehmerischer Erfolg wie Misserfolg werden medienmässig personifiziert (durchschnittliche Überlebensdauer eine CEO in Westeuropa: 3-4 Jahre).

Das Arbeitsumfeld wird durch zunehmende Technologisierung, Hektik und ständige Veränderung charakterisiert.

Die Technologie verdrängt in vielen Bereichen die menschliche Arbeitskraft.

Die menschliche Arbeitsressource ist zu einem internationalen Konkurrenzprodukt geworden.

Durch die Einführung von flexiblen Saläranteilen und leistungsabhängigen Bonusse werden die Mitarbeiter immer abhängiger und manipulierbarer.


Entwicklungen im Bereich des persönlichen Lebens, die Unbehagen auslösen:

Die psychosomatischen Krankheiten und Depression als Folge von Angst und Überforderung nehmen auch unter Führungskräften zu.

Wir haben in unseren westeuropäischen Ländern eine hohe Selbstmordrate, insbesondere unter Männern.

Die Scheidungsrate liegt bei 40-50%.

Wir erleben generell steigendes Suchtverhalten (auch bei Führungskräften) und Gewaltverhalten, vor allem unter Jugendlichen.

Mobbing am Arbeitsplatz ist zu einem wachsenden Problem geworden, so dass gesetzliche Bestimmungen notwendig wurden.

Der Anteil von Arbeitssüchtigen einerseits und Arbeitsfaulen (Durchhalten bis zum Wochenendkick) anderseits ist über die letzten dreissig Jahre stark gestiegen.

"Stress" und "Innere Kündigung" und wurde zu neuen Begriffen.

Wir reden von Work-Life Balance: Wir unterscheiden neuerdings zwischen Arbeit und Leben.

Insbesondere bei Führungskräften kann aber wegen der Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit kaum mehr zwischen Privatleben und beruflicher Tätigkeit unterschieden werden.

Zur umfassenden Analyse der Gründe für die Entwicklung müsste man auf den Einfluss der Technologisierung, der Wissenschaft, des Zerfalls des Kommunismus und damit des COMECON, und vor allem der Globalisierung eingehen. Aus Zeitgründen muss ich mich beschränken.

Ich werde mich auf den Einfluss der gesellschaftspolitischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte beschränken, weil diese uns persönlich als Individuen betrifft, und wir uns hier der Frage der persönlichen Verantwortung stellen müssen. Dies ist vielleicht unbequem, aber ich meine zwingend notwenig. Es geht um unser persönliches Leben und das Leben der nachfolgenden Generationen. Ich habe aus Beobachtung und eigener Erfahrung gelernt, dass das Problem nicht Systeme und Konzepte ist, sonder wir einzelne Menschen und wie wir miteinander in den verschiedenen Systemen umgehen.


2. Der gesellschaftspolitische Paradigmenwechsel und seine Folgen

Während den turbulenten Jahren der Studentenunruhen war ich von 1967-1972 selber Soziologiestudent an der Uni Bern: linker Touch.

Ich nahm damals an den vielen Studentenversammlungen und Gesprächen mit militanten Studenten teil. Viele dieser damaligen Führer stehen heute in hohen Positionen in der Verwaltung und in den Medien.

Einer der wichtigsten Slogans von damals war: "Vertraue keinem über 30!" Das Ziel der Studentenunruhen war der Sturz der Autorität, des Althergebrachten, der Tradition, der Einschränkung.

Und es ging vor allem um den Anspruch von totaler Freiheit, bzw. dem Abstreifen jeglicher Einschränkung durch Autorität.

Die Folge dieser europaweiten Studentenbewegung war ein Paradigmenwechsel für unsere westeuropäische Gesellschaft, der alle Bereiche unseres Lebens durchdrungen hat.

Aber vor diesem Paradigmenwechsel waren längerfristig wichtige Dinge geschehen: In der Aufklärung des Mittelalters war der Mensch philosophisch zum Mass aller Dinge gemacht worden. Nachdem der Glaube an Gott und seine Schöpfung für die ersten bedeutenden Wissenschaftler wie Galilei, Kopernikus, Francis Bacon, Kepler und Newton die treibende Kraft gewesen waren, wurde Gott nun durch die Philosophen wegradiert. Es folgten der Rationalismus und der Humanismus mit der Aussage, dass der Mensch grundsätzlich gut sei. Das Bild der Antike des vollendeten Menschen wurde als Vorbild genommen. Der Rationalismus besagt, dass der Mensch nur von sich selbst ausgeht und jede andere Quelle für seine Erklärung abgelehnt werden muss, somit auch die Existenz Gottes. Und die Evolutionstheorie von Darwin und seinen Nachfolgern wurde als wissenschaftlicher Beweis der Richtigkeit dieser Philosophien bejubelt.

Einen wichtigen Einfluss hatte auch die von Adam Smith im 18. Jahrhundert entwickelte Wirtschaftsphilosophie. Er war sozusagen der Erfinder der freien Marktwirtschaft, da er für den Freihandel, freie Konkurrenz und die Arbeit als austauschbare Ressource eintrat.

Die Kirche sowie die Frömmigkeit waren aber lange immer noch ein Faktor in der Gesellschaft, damit verbunden auch das Bewusstsein über die mögliche Existenz von Gott und über die 10 Gebote als Rahmengesetze für das persönliche Verhalten. Autorität war generell noch anerkannt.

Die Studentenunruhen bedeuteten nun aber die Verabschiedung von all dem: Verabschiedung vom Hergebrachten, von der Tradition, von der Erfahrung, und damit die definitive offizielle Verabschiedung von den christlichen Werten und letztlich von Gott. Der Glaube an Gott, Jesus Christus und die Bibel wurde nun definitiv zur Privatsache erklärt. Viele kirchliche Gemeinden zerfielen zu sozialen Einrichtungen. Dies vor allem als Folge der historisch kritischen Theologie, die aus der Rebellion gegen Gott geboren wurde. Einer Theologie, die zu beweisen versucht, dass die wichtigsten Elemente des christlichen Glaubens nicht wahr sind, weil sie wissenschaftlich nicht beweisbar sind, und somit Gottes Offenbarung bezüglich ihres Wahrheitsanspruchs in Frage stellt (s. Taschenbuch von der ehemaligen Theologieprofessorin Dr. Eta Linnemann: "Original oder Fälschung").

In der öffentlichen Erziehung und Ausbildung ist seitdem die Evolutionstheorie die einzige Erklärung für die Herkunft des Menschen, und das christliche Ethikverständnis ("Tabus") wurde in ein rollendes, humanistisches Ethikverständnis umgewandelt: Ethik definiert sich durch das, was die Mehrheit als gegenwärtig korrekt, bzw. richtig befindet, da es keine absoluten Standards mehr gibt. Die persönliche Freiheit, Verantwortung und Selbstverwirklichung sind dabei die entscheidenden Kriterien. Beispiel Abtreibung: Vom Einhalten des Gebots "Du sollst nicht töten", also Schutz des ungeborenen Kindes, zu "Dies ist mein Bauch" (Abstimmungsslogan anlässlich der schweizerischen Abstimmung zur Legalisierung der Abtreibung). Die freie Entscheidung des erwachsenen Menschen wird über den Schutz des Lebens des Ungeborenen, das sich nicht äussern kann, gestellt.

Die Folgen dieser Entwicklung sind einschneidend: Es geht letztlich um die Frage des Menschenbildes: Vorher kommt der Mensch, was ist der Mensch, wohin geht der Mensch? Was bedeutet es, dass ich ein Bewusstsein über mein "Ich" habe? Es geht also um den Sinn unseres Lebens. Eine Frage, welche die Philosophen und Künstler in einzelnen Fällen bis zum Wahnsinn umgetrieben hat, ohne dass auf dieser Ebene je eine Antwort gefunden wurde. Bertrand Russell, Philosoph und Atheist: "Solange man nicht annimmt, dass es einen Gott gibt, bleibt die Frage nach dem Ziel des Lebens sinnlos."

Als Folge der erwähnten Entwicklung wird dem Leben des Menschen jeglicher tiefere Sinn abgesprochen. Wir sind Produkte des Zufalls und eines Prozesses der Auswahl nach dem Prinzip des Durchsetzens des Stärkeren über den Schwächeren. Dies sind die Prinzipien der Evolutionstheorie. Damit wird dem Menschen auch seine Spiritualität abgesprochen. Dass dies nicht funktioniert zeigt die steigende Nachfrage nach esoterischem, buddhistischem und ähnlichem Gedankengut zum Füllen des Vakuums. Es kann zudem konsequenterweise auch kein wertbezogenes menschliches Verhalten geben, denn die Prinzipien der Evolutionstheorie sehen dies nicht vor. Und das Prinzip von allgemein gültigen Werten steht auch im Gegensatz zur Forderung noch totaler persönlicher Freiheit.

Der Soziologe, Theologe und Autor Francis Schäfer schreibt: "Der Mensch wurde zur Maschine: chemisch und psychologisch determiniert".

Das auf dieser Weltanschauung basierende Menschenbild ist ein unmenschliches Menschenbild, da es uns Menschen zu einer höher entwickelten Stufe von Menschenaffen degradiert, ohne Sinn und ohne Hoffnung für unser Leben. Ein Menschenbild, dessen Ursprung trotz gegenteiliger Behauptung sogar von führenden Evolutionswissenschaftern als nicht bewiesen gilt. Albert Einstein sagte dagegen: "Gott würfelt nicht!" Die Folgen des Glaubens an dieses Menschenbild können sie in den Medien mitverfolgen. Sie bedeuten nichts anderes als Flucht vor uns selber:

Ausufernder Materialismus (shopdiction);

Hedonismus (Körperkult/Jugendliche unterziehen sich Schönheitsoperationen);

Verdrängung des Todes bzw. des Themas Hölle und Ewigkeit;

Kicks und Abhängigkeiten bzw. Suchtverhalten bis zur Selbstzerstörung;

Exzesse im Sport;

Individualismus (Einzelpersonen Haushalte/abnehmende Geburtenraten);

Zunahme von weisser und schwarzer Magie (Musikbands/Internet/Werbung) und damit der Todessehnsucht unter Jugendlichen;

Sexuelle Fehlentwicklungen grossen Stils (u.a. Pädophilie).

Ich möchte mit Ihnen den Sprung von der Theorie, dem Unpersönlichen, in das reale Leben machen. Obwohl ich dazu meine eigene Lebensgeschichte verwende, werden vielleicht einige unter Ihnen ihr eigenes Leben vor sich ausgerollt sehen:

Erfolgreiche Karriere, erfolgreiches Leben;

Ausgeprägter Drang nach Anerkennung und Selbstverwirklichung: Kind der Studentenunruhen;

Dahinter stand noch etwas anderes: meinen Eltern zu genügen.

Zunehmender Druck im Beruf, immer geben;

Schwierige Situation daheim mit den pubertierenden Töchtern;

Ausgebranntsein, Ungeduld, Selbstmitleid, Aggression;

Nahe einer persönlichen Krise, ja, einer persönlichen Katastrophe für mich und meine Familie.

Die Bibel sagt: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber er an seiner Seele Schaden nimmt?" Ich hatte an meiner Seele Schaden genommen!

Wie konnte das geschehen? Warum lassen wir vernünftig intelligente Menschen eine Entwicklung zu, bzw. unterstützen wir sie durch unser eigenes Verhalten und Leben, wenn wir doch zunehmend darunter leiden?

Ich möchte Ihnen dazu eine Antwort geben, die mich und Millionen anderer Menschen überzeugt. Dazu muss ich ein bisschen ausholen, und zwar in die Ursprungsgeschichte von uns Menschen. Sie werden erstaunt sein, wieviel dieser Exkurs mit unserem Thema zu tun hat. Lassen Sie das Folgende einfach auf sich wirken, ohne innerlich abzuwehren, sollten sie es nicht glauben können.

Die Geschichte beginnt im ersten Kapitel der Bibel: der Schöpfungsgeschichte. Gott hatte Himmel und die Erde, die Sonne und den Mond, das Meer und das Land und auch die Tiere geschaffen. Alles war gut. Zuletzt schuf er den Menschen. Und da steht der entscheidende Satz: "Jetzt wollen wir den Menschen machen, unser Ebenbild, das uns ähnlich ist. Er soll über die ganze Erde verfügen... So schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild, als Mann und Frau schuf er sie. Und er segnete sie." Und er setzte sie als seine Verantwortlichen ein, um im Garten Eden all das Geschaffene zu bewahren, Sorge zu tragen, zu vermehren. Und erst jetzt steht: "Und Gott betrachtete alles, was er geschaffen hatte, und es war sehr gut!"

Dann folgt die nächste entscheidende Episode in der Geschichte der Menschheit: Adam und Eva hatten alles was sie brauchten, bezüglich Versorgung, aber auch bezüglich des Einflusses (Macht im positiven Sinn) im Namen Gottes. Sie hatten aber vor allem eine enge Gemeinschaft mit Gott und dadurch einen grossen Frieden. Es gab nur eine einzige Einschränkung: vom Baum der Erkenntnis über das Gute und Böse durften sie keine Früchte essen, da sie sonst sterben würden. Es ging alles gut, bis die Schlange, die Verkörperung des Bösen, in das Paradies eindrang und mit Eva zu sprechen begann. Mit dem ersten Teil ihres ersten Satzes streute sie den Zweifel: "Hat Gott wirklich gesagt...?" Und der zweite Teil des Satzes ist eine blanke Lüge: "...dass ihr von keinem Baum die Früchte essen dürft?" Das hatte Gott nicht gesagt. Mit einem Satz streute die Schlange, also das Böse, den Zweifel über das Bild Gottes (was für ein Gott ist das, der euch die Früchte verwehrt?), und sprach eine massive Lüge. Sehen Sie einen Zusammenhang zu den Aussagen der Philosophie, der modernen Theologie und Wissenschaft? Eva korrigierte zwar die Aussage der Schlange, aber dann nahm die Schlange den entscheidenden Pfeil aus dem Köcher: "Ihr werdet doch nicht sterben, auch wenn ihr die Früchte des Baums der Erkenntnis esst. Euch werden die Augen geöffnet werden, ihr werdet Erkenntnis erlangen, das Geheimnis lüften." Dies ist die heute die Motivation vieler Menschen für die Beschäftigung mit esoterischem Gedankengut: das Geheimnis zu lüften. Und dann der entscheidende Satz: "Ihr werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist!" Und Eva ass vom Apfel, offerierte ihn auch Adam, der auch davon ass.

Damit wurde blitzartig alles anders. Adam und Eva schämten sich ihrer Nacktheit, sie versteckten sich vor Gott (schlechtes Gewissen), und als Gott sie zur Rede stellte, gab Eva die Schuld der Schlange und Adam seinerseits die Schuld Eva: er verpfiff sie- er, der selber versagt hatte. Wir sehen hier die Parallele zum Humanismus: Der Mensch ist per Definition gut, aber es sind die Umstände (=die Anderen) die schuld sind, wenn ich nicht mehr gut bin. Man spricht dem Menschen die eigene Verantwortung für sein Tun ab. Und etwas Zweites geschieht: Schuldzuweisung ohne Versöhnung. Grund von Verfeindung und Bitterkeit.

Von diesem Moment ist es aus mit dem paradiesischen Zustand des Lebens der Menschen: die Frau gebärt mit Schmerzen, der Boden wird verflucht, so dass Arbeit mühsam wird ("Dein ganzes Leben lang wirst du dich abmühen, um dich zu versorgen"). Und der Mensch lebt von dem Moment an auf den Tod hin: "Denn du bist Staub von der Erde, und zu Staub musst du wieder werden."

Aber das wohl folgenschwerste Ereignis war, dass Gott Adam und Eva aus dem Garten Eden, also aus dem Paradies ausstiess, so dass sie nach ihrem Versagen und ihrer Schuld nicht die Früchte vom Baum des Lebens essen konnten, welche Gott ihnen ja vorher zugesprochen hatte. Sie wurden ausgestossen in die kalte Welt, getrennt von Gott und dem Paradies.

Die darauf folgende Geschichte dokumentiert die unglaubliche Tragik dieser Geschehnisse: Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. Aus Neid und Eifersucht erschlug Kain seinen Bruder. Nach dem Ausschluss aus dem Paradies, also der Trennung der Gemeinschaft mit Gott, beginnt die Menschheitsgeschichte mit Neid, Eifersucht und als Folge Totschlag. Diese blutige Spur - sichtbar durch Verbrechen und Kriege, sogenannt unsichtbar durch unser Verhalten anderen gegenüber, zieht sich seitdem durch die Geschichte der Menschheit und durch unser persönliches Leben.

Mein eigenes Leben war geprägt gewesen durch den Drang nach Anerkennung. Aber hinter dem Drang nach Anerkennung war der Schrei nach Liebe. Ich definierte mich durch das was ich tat und war, durch meine Leistung als Manager und durch meine Titel auf der Geschäftskarte. Aber ich konnte noch so erfolgreich sein, es genügte nicht. All das: Erfolg, Status, Prestige, Macht, Kraftaufwand konnten das Loch in meinem Herzen nicht ausfüllen. Ich hatte Mühe, mich anzunehmen wie ich war. Ich brannte langsam aus.

Ich habe mich in der letzten Zeit stark mit der biblischen Schöpfungsgeschichte auseinandergesetzt. Die Geschichte fasziniert mich, weil ich in ihr den Schlüssel für mein Problem fand. Ich weiss heute, dass mein grundsätzliches Problem diese Ausgeschlossenheit aus dem Paradies war. Ein Referent sagte zu diesem Thema: "Wir Menschen sind als Folge des Ausschlusses aus dem Paradies Fremde in dieser Welt." Mich trieb eine tiefe Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Angenommensein. Diese Sehnsucht konnte kein Mensch erfüllen, keiner, auch meine Ehefrau Marianne nicht. Und dies hatte damit zu tun, dass ich - wie Sie alle - von meinem Ursprung her ausgelegt bin für die Gemeinschaft mit Gott - als sein Ebenbild.

ch bin keine Ausnahme bin. Dies ist die Tragik und das Leid von uns Menschen generell. Darum versuchen wir das Loch in unserem Herzen mit allem anderen zu füllen. Und weil wir die biblischen, also von Gott gegebenen Werte und Lebensprinzipien abgeschafft haben, und uns von Kind an eingepaukt wird, dass wir ein Zufallsprodukt sind, und wir nach dem Prinzip des Stärkeren über den Schwächeren funktionieren, wird unsere Welt kälter und härter, inklusive die Arbeitswelt, wo wir die meiste Zeit verbringen.

Der persönliche Paradigmenwechsel und seine Folgen

1993 wurde unsere damals 18-jährige Tochter Michèle eine gläubige, bekennende Christin. Sie hatte an einer Grossevangelisation mit einem Gebet Gott und Jesus Christus in ihr Herz aufgenommen. Ich hatte enorm Mühe mit dieser Tatsache und damit, dass sie mir Weisheiten weitergab, von denen ich als damals 48-jähriger Vater, Ehemann und Manager noch nichts gewusst hatte. Meine Frau war in den Jahren in Hongkong auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gewesen. Sie suchte sie in den asiatischen Religionen, fand die Antwort aber nicht. Zurück in der Schweiz beschäftigte sie sich mit der Esoterik, und auch dort fand sie keine Antwort. Da begann sie die Bibel zu lesen. Zur gleichen Zeit wurden wir zu einem Anlass der Internationalen Vereinigung christlicher Geschäftsleute eingeladen. Da sprach eine Führungskraft über ein Fachthema, und verband dieses mit seiner praktischen Erfahrung des christlichen Glaubens im Alltag, wie ich es in all meinen Kirchenbesuchen noch nie gehört hatte. Meine Frau drängte mich dann, zusammen ein Bibelseminar der IVCG zu besuchen. Zum ersten Mal in meinem Leben erfasste ich die Dimension der Aussagen der Bibel und ihre Relevanz für mein Leben in all meinen Funktionen und Verantwortungen.

An einem der Abende lasen wir den Vers über die Liebe im 1. Korintherbrief, Kapitel 13, 4-7:
"Liebe ist geduldig und freundlich. Sei kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie prahlt nicht und ist nicht überheblich. Liebe ist weder verletzend noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar noch nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand."

Da brach bei mir der Damm. Ich erkannte, dass ich abgedriftet war, dass meine Seele Schaden genommen hatte, dass ich schuldig geworden war. Ich betete zum ersten Mal aus ganzem Herzen und bat Gott um Vergebung für mein altes Leben. Ich entschied mich für eine persönliche Beziehung mit Gott und seinem Sohn Jesus Christus. Und ich entschied mich, zusammen mit meiner Frau, die Bibel als das Fundament für mein Leben anzunehmen.

Gott schuf uns vom Paradies ausgestossenen Menschen durch den Tod von Jesus Christus am Kreuz und seine Auferstehung eine Brücke zurück in die Gemeinschaft mit ihm, sozusagen zurück ins Paradies:

"
Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder der an ihn glaubt, wird nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben." Johannes 3,16.

Diese Brücke ist Jesus Christus. Jesus sagte zu seinen Jüngern: "Wer mich erkennt, erkennt den Vater."

Dies wurde zu meiner wichtigsten Entscheidung in meinem Leben. Stetig und in Schüben veränderte sich mein Leben. Meine Seele wurde langsam geheilt. Ich erfuhr Vergebung und Versöhnung mit meiner Frau und meinen Töchtern. Ich wurde weitgehend frei vom unbändigen Drang nach Anerkennung, nach Selbstverwirklichung, und dadurch von meinem Egoismus befreit. Meine Sehnsucht ist durch die enge Beziehung zu Gott und Jesus Christus gestillt. Ich lebe heute, nach einem langen und nicht nur einfachen Prozess, in einem bisher noch nie gekannten Frieden. Meine Sehnsucht ist gestillt, das Loch in meinem Herzen - meine ich - ausgefüllt durch meine Beziehung zu Gott und Jesus Christus. Es ist aber mitausgefüllt worden durch die heute erneuerte Beziehung zu meiner Frau und meinen Töchtern. Ich war dann bis zu meinem Ausstieg noch sieben Jahre ein christlicher Manager, wurde noch zweimal befördert, und habe eindrückliche Erlebnisse erlebt.

Ich komme zurück zur Frage des Titels: "Eine neue Arbeitsverantwortung?" Ich habe im Wörterbuch nach Ersatzbegriffen für Verantwortung nachgeschlagen. Dort stand: Verpflichtung, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit. Und im Thesaurus des Word Programms von Microsoft steht für Verantwortung: Selbstachtung, Würde, Haltung, sittliche Kraft!

Und da lesen wir in der Bibel über das wichtigste Gebot: "Liebe deinen Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand. Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ebenso wichtig ist aber das zweite: Liebe deinen Mitmenschen, so wie du dich selber liebst!"

Wenn ich mit mir im Reinen bin, dann bin ich in der Regel auch mit meinen Mitmenschen im Reinen, auch in der Arbeitswelt. Dann muss ich mich nicht ständig beweisen, wie ich das musste, weil ich mit mir nicht im Reinen war. Dann werden meine geschäftlichen Entscheidungen nicht mehr durch falsche Motive beeinflusst.

Und der folgende Vers umschreibt in einem Satz, was wir in der Arbeitswelt zu tun haben, um all die negativen Auswirkungen zu vermeiden. In einem Satz umschreibt die Bibel die Arbeitsethik für uns Menschen:
"
Dient einander als gute Verwalter, jeder mit der Gabe die er empfangen hat."

Dem anderen dienen! Und meine Arbeit als guter Verwalter tun: griechisch heisst Verwalter "eukonomos", was im Englisch Manager heisst. Was heisst gut: Zuverlässig, treu, klug. Auch diese Bedeutung von Verantwortung haben wir schon angetroffen. Ein verantwortlicher Verwalter maximiert nicht, sondern optimiert. Die Mutter und Hausfrau ist ein wunderbares Beispiel für Optimierung. Führungskräfte in allen Bereichen sind in unserer Zeit dagegen zunehmend ein schlechtes Beispiel.

Brauchen wir eine neue Verantwortung in der Arbeitswelt? Ich hoffe, ich konnte Ihnen zeigen, dass wir nicht eine neue Verantwortung brauchen, sondern dass wir wieder zu Menschen mit und in Verantwortung werden müssen. Wir wissen was Verantwortung bedeutet: Verpflichtung, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Selbstachtung, Würde, Haltung, sittliche Kraft. Da stehen Respekt und persönliche Integrität dahinter. Dies sind Charakteristiken, die auf der Strecke geblieben sind, weil wir es aus uns heraus nicht schaffen. Da helfen uns weder die Philosophie noch diffuse Spiritualität. Es geht also nicht um den Begriff der Verantwortung, sondern um die Ausübung der Verantwortung, also um das Tun. Aber nicht aus uns heraus, sondern in der Abhängigkeit und der Führung von Gott.

Geht mich das etwas an? Geht Sie das etwas an? Ist das nicht das Problem der hohen Verantwortlichen in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft? Ja, es ist deren Problem - auch deren Problem. Aber es ist auch mein und Ihr Problem, unabhängig von der Position und Funktion. Unsere Gesellschaft und Arbeitswelt werden aus der Summe von einzelnen Menschen gebildet. Es sind nicht Systeme, die die Gesellschaft und die Arbeitswelt prägen, sondern immer wir Menschen: in unserer Familie, im Arbeitsteam, in der Firmenleitung, im Freundeskreis. Unterschätzen Sie nicht Ihre Bedeutung: was Sie sagen, wie Sie handeln, wie Sie mit Ihren Mitmenschen umgehen: Sie werden beobachtet, und andere Menschen leiten ihr Verhalten von Ihrem Verhalten ab. Welche Art von Vorbild wollen wir sein?

Wollen wir uns immer nur als Opfer sehen und über die Umstände klagen und dabei krank werden, oder wollen wir Verantwortungsträger und Verantwortungstäter sein. Und damit unseren Einfluss, den wir haben, in Verantwortung, mit Hoffnung und Zuversicht wahrnehmen und dort wo wir sind, mit unseren Möglichkeiten, zu einer besseren Welt beitragen? Ich entscheide, Sie entscheiden, welche Rolle wir spielen - das nimmt uns niemand ab.

Ich wünsche Ihnen herzlich den Mut, Ihre persönliche Verantwortung radikal umzusetzen. Sie werden erstaunt sein, wie sich Ihr Leben und Ihr Umfeld sich verändern werden.


Claude Schmutz
Präsident "Leaders' Integrity Foundation"
claude.schmutz@lif.ch