Predigt Familientag am Sonntag, den 21. September 2008
Es heißt:
"Wach auf, der du schläfst,
und steht auf von den Toten,
Christus wird dein Licht sein."
So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt.
Nicht als Unweise, sondern als Weise.
Und kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit.
Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht,
was der Wille des Herrn ist. Und
sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt,
sondern lasst euch vom Geist erfüllen.
Ermuntert einander mit Psalmen
und Lobgesängen und geistlichen Liedern,
singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen
und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles,
im Namen unseres Herrn Jesus Christus.
(Epheser 5, 14-20)
Ihr Lieben,
zwei Geschichten zu Beginn:
Nach dunklen und regnerischen Tagen war der Himmel an einem frühen Morgen klar. Das Licht drang durch die Seiten der Fenstervorhänge und malte Muster auf die Wände, und die Kinder kamen herein: Was schlaft ihr noch, wacht auf, die Sonne scheint längst!
Und sie zogen die Vorhänge beiseite und es war hell im Zimmer und im Leben.
Etwas dramatischer geht es zu in einer Geschichte, die ich am 4. August in der Süddeutschen las:
Grace Bergere, 12, New Yorkerin, hat den Sturz durch einen 50 Meter hohen Kamin überlebt. Sie landete auf einem großen Berg Asche . "Es ist ein Wunder, ein absolutes Wunder" sagte ihr Vater der New York Post. Das Mädchen war auf die Dachterrasse eines 14 Stockwerke hohen Altbaus gegangen, um ihrem Cousin aus Kalifornien den spektakulären Blick auf die Wolkenkratzer Manhattans zu zeigen. Für eine noch bessere Aussicht kletterte sie die Feuerleiter zum Kamin hoch und stürzte kopfüber hinein. "Wir dachten nicht, dass wir da unten jemanden lebend finden" sagte Feuerwehrmann John Taliercio. Als er die Metalltür am Fuße des Kamins öffnete, streckte sich ihm jedoch eine kleine schwarze Hand entgegen.
Das Licht ist schon da, vor uns und ohne unser Zutun: Es gilt, die Vorhänge beiseite zu ziehen und die Hände aus dem Dunkel ins Licht zu strecken.
Hoffnungsgeschichten, Wundergeschichten, Christusgeschichten: Es sind Christusgeschichten, wenn das Leben zu leuchten beginnt.
Manchmal möchten wir gar nicht wach werden, manchmal möchten wir dem Tag nicht ins Gesicht schauen, manchmal wissen wir gar nicht mehr, warum wir uns erheben sollen, wir können so unendlich müde sein, wir können so in Träumen und Albträumen versinken, in Ängsten und Vorstellungswelten, in Verblendung und auf Fluchten bis uns eine Stimme erreicht- wach auf, wach endlich auf, eine Stimme, die uns nicht ins Grelle stoßen will, eine liebevolle, ermutigende Stimme, eine Stimme, die uns ins Helle lockt.
"Wach auf, der du schläfst, und steht auf von den Toten, Christus wird dein Licht sein."
Manchmal stürzen wir mitten am Tag in die Tiefe, etwas hat unsere Freude ausgelöscht, unsere Gedanken fallen ins Bodenlose, wir verlieren einfach den Halt, während wir am Schreibtisch sitzen oder auf der Parkbank oder am Küchentisch, und wir fallen in die Asche.
Wir sind wie tot, bis sich eine Tür öffnet, das Licht fällt herein und jemand ergreift unsere Hand, die sich ihm entgegenstreckt. - Jemand? - Ein Wort, ein Bild, eine Begegnung - wie man sie auch an einem Familientag haben kann - ein Mensch, die Gegenwart Christi.
Marie Luise Kaschnitz beschreibt es in ihrem Gedicht:
AUFERSTEHUNG
„Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns,
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.“
Dass Menschen aufstehen mitten am Tage, das Geschieht bei uns und in Brasilien, Afrika, Australien, Frankreich, Italien, Skandinavien. Jeder Platz auf dem Globus ist ein Platz für Christus. Insofern gilt: Unsere Heimat ist die Welt.
Der Apostel empfiehlt uns, sorgfältig zu leben.
Und er beschreibt ein sehr bewusstes, ja reflektierendes, nachdenkendes Leben, er spricht von Weisheit, vom sozusagen kaufmännischen Umgang mit der wertvollen Ressource Lebenszeit, von Nüchternheit und vom Verstehen des Willens Gottes.
Sorgfältig soll das Leben gelebt werden.
Vor drei Wochen waren Annette und ich in Rolandseck im Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck, wo etwas sehr schönes entstanden ist, und wir fuhren anschließend die B 9 zwei Kilometer zurück rheinabwärts und besuchten den Hensen-Park, das heißt das, was von ihm übrig geblieben ist.
Dieser Park ist zwischen 1888 und 1895 von Clara von Recklinghausen geb. Langen - VII - angelegt worden, er blieb bis 1915 im Besitz der Familie. Ein Landschaftsgarten mit herausragenden Bäumen, mit Wiesen, geschwungenen Wegen aus Lava, einem Wohnhaus, Gärtnerhaus und Gewächshaus. Sogar eine Brücke über eine Straße wurde gebaut .Alles geplant und durchdacht. Ein Kleinod am Rhein. "Viktorianisch" soll der Garten gewesen sein. Gepflegt wurde er von den späteren Besitzern bis in den 2. Weltkrieg hinein.
Aber vor drei Wochen fanden wir eine Wüste aus Brennnesseln und Brombeerbüschen vor. Der Gedanke des Gartens ist nicht mehr erkennbar, ein Mammutbaum nur in der Mitte ist noch Zeuge der vergangenen Anstrengung und Schönheit. Wir hatten noch nie einen derart verwilderten Park gesehen. Diese Verwilderung ist ein Ergebnis von Geschichte, von Rechtsverwilderung, von Krieg und Besatzung, von Lebenslauf, von wirtschaftlichem Niedergang, von wankendem Interesse und Vergesslichkeit. Es gab zuletzt auch Versuche der Rettung, aber sie scheinen nicht gelungen.
So ist der Park zu einem Bild der Geringschätzung durch seine Umgebung oder seine Eigentümer verkommen. Es ist so, als wäre er aufgegeben.
Das Leben kann zum verwilderten Garten werden. Und wer je einen Garten bearbeitet hat, weiß, wie viel Mühe und Sorgfalt es kostet, Verwilderung zu verhindern, um eine Idee zu bewahren und dafür sorgen, dass das Kleine und Zarte nicht vom Raumgreifenden und Stärkeren überwuchert und erstickt wird.
Das Leben braucht Sorgfalt, wenn es nicht im Überlebenskampf sich erschöpfen soll. Mit anderen Worten, wenn der Friede bewahrt werden soll, bedarf es des sorgfältigen Lebens.
Als im August der kaukasische Krieg losbrach, eine Verwilderung, die wieder einmal viele Menschen um Leben, Glück und Hab und Gut brachte, und als anschließend ein vielstimmiger Chor zu vernehmen war mit Rufen nach Rache und Mahnungen zu Besonnenheit, hat mich eine Stellungnahme des Luxemburgers Jean Claude Junker schon beeindruckt. Er schrieb den Beteiligten ins Stammbuch, es habe an Vernunft gefehlt. Es sei unvernünftig gewesen, in Zeiten steigender Spannungen nicht miteinander geredet zu haben. Auf solche Unvernunft aber folge Krieg. Jetzt gäbe es nur eins: Zurück zur Vernunft.
Den Willen Gottes zu tun - das kann wohl auch heißen: Das Vernünftige zu tun. Wenn es denn vernünftig ist, mit dem uns anvertrauten Leben sorgfältig umzugehen.
Ich halte es nicht für vernünftig, einen Garten verwildern zu lassen.
Noch weniger vernünftig ist es, Stimmungen und Gefühle wuchern zu lassen, bis am Ende selbst die Phantasie sich nicht mehr bewegen kann.
Eine Freundin von uns hat sich mit ihrer Familie zerstritten und hat sich dabei selbst sehr wehgetan.
Es ging um einen Stapel Teller und Tassen aus der Hinterlassenschaft ihrer Mutter.
Aber, sagen die Kommentare, da war doch sicher mehr dahinter als ein paar Teller und Tassen, mehr, das sich im Laufe der Zeit aufgehäuft hat..
Schon möglich.
Aber dann bleibt die Frage: Wie macht man einen Berg, der zwischen einem selbst und anderen steht, kleiner?
Ich meine: Indem man nichts mehr oben drauf legt.
Das macht den Berg kleiner und ist eine vernünftige Entscheidung.
Es ist vernünftig, die linke Wange hinzuhalten, wenn einer einen auf die rechte schlägt.
Es ist vernünftig, sich zu versöhnen.
Es ist vernünftig, afrikanischen Frauen Kleinkredite zu geben,
es ist vernünftig nach der Gerechtigkeit zu trachten,
es ist vernünftig zu hoffen,
es ist vernünftig zu lieben,
denn es entspricht der Logik Gottes,
dem Willen, der uns ins Leben rief,
dem Geist, der aus Erde Menschen werden ließ.
Intelligent sollen wir leben und handeln.
Die Intelligenz zum sorgfältigen Leben entsteht im gemeinsamen Leben, sie bildet sich an den Bildern, die wir mit unserem Leben malen, sie entwickelt sich aus der Sprache, mit der wir uns verständigen, sie wird unter uns weitergegeben von Generation zu Generation.
Eine Familie hat etwas weiterzugeben - auch über die Grenzen hinaus. Das kann diese Kultur der Sorgfalt sein. So wird die Familie, was Abraham und Sarah waren: Ein Segen.
"Sei, wie du bist" steht auf den Ikea-Katalogen 2009, "lebe, wie du willst"! Per Post millionenfach inzwischen verbreitet.
Sei wie du bist! Wie sind wir denn?
Geschöpfe aus dem Geist Gottes!
Also: Entdecke wie du bist; verstehe dich als Sohn und Tochter Gottes!
Und lebe, wie du willst!
Wie wollen wir leben als die Töchter und Söhne Gottes? Als Menschen aus dem Geiste Gottes? Als Mitglieder der Familie Gottes?
Dazu finden wir hier einige Stichworte, die lauten: Lob und Gesang, Spiel und Psalm, und alles zusammenfassend: Dank.
Wie leben?
So wie eine Dankende, so wie ein Dankender lebt!
Wir befinden uns hier am Niederrhein und in der Nähe Hollands auf dem Gebiet, in dem die Reformation sich auf Johannes Calvin berief. Die Gemeinden waren nicht lutherisch, sondern reformiert. Auch im Bergischen war das so. Auch in Bergisch-Gladbach, Hückeswagen, Solingen und schließlich Düssel, wo der Schulmeister Johann Jakob Langen in der Pfarrschule als Lehrer und Organist tätig war. Die Kinder lernten bei ihm den Heidelberger Katechismus.
Der hat - wie es sich für einen Katechismus gehört - ein Kapitel über die Frage, wie man leben soll.
Die Überschrift dieses Kapitels ist bemerkenswert, denn sie lautet: "Von der Dankbarkeit."
So als verstünde sich alles von selbst, wenn der Mensch erst einmal begriffen hat, dass sie und er Beschenkte sind.
Dankbarkeit sozusagen als christlicher Lebensstil.
Von des Menschen Dankbarkeit - diese Formulierung entlässt uns bei der Frage nach dem Leben in ein Land der Freiheit.
Leben - wie Gott es will - "mit Lust und Liebe".
Wir können uns befragen, wenn wir auf dieses Wochenende blicken, warum es vorbereitet wurde und warum wir uns hierhin aufgemacht haben. Gründe wird es viele geben. Ich nenne einen: Die Dankbarkeit dafür, dass wir uns haben als Frauen und Männer, als Kinder und Eltern, als Geschwister, als Enkel und Großeltern - dass wir uns haben, dass wir zum gemeinsamen Leben geschaffen sind und es auch finden können, um miteinander den Garten Eden zu bauen und zu bewahren.
Wir danken Gott, der uns aufstehen lässt zum Leben, wir danken Gott, indem wir leben, indem wir als Kinder der Liebe das Leben lieben, und damit den, der es uns gegeben hat. Amen