Vortrag Familientag am Samstag, den 20. September 2008
von Dr. Uwe Becker
"Familienzusammenhalt im Zeitalter der Globalisierung"
1. Vorbemerkung zur Sache
Sehr verehrte Damen und Herren,
die Themenstellung des heutigen Vortrags verlangt vorbemerkend einige definitorische Ab- und Eingrenzungen. Was meinen wir, wenn wir von Familie reden? Wie begreifen wir den Begriff „Zusammenhalt“? Was heißt der in aller Munde geführte Begriff Globalisierung konkret, wenn er nicht zum diffusen Platzhalter zeitdiagnostischer Verlegenheiten mutieren soll? Schließlich: Wie ist dieser in Verbindung zu bringen mit der Lebenswirklichkeit von Familien?
Was den Charakter der nachfolgenden Definition anbelangt, so ist mir wichtig zu betonen, dass diese Definitionen eher funktionaler Art sind, also keiner normativen Festlegung oder einer wertegebundenen Positionierung unterliegen, sondern gewissermaßen pragmatisch gewisse Eingrenzungen vornehmen, die einerseits der gebotenen Kürze eines Vortrags und zweitens dem Erkenntnis leitenden Interesse der Initiatoren und Organisatoren dieses Tages entgegenkommen.
Bezogen auf den Familienbegriff werde ich mich konzentrieren auf die Situation und Dynamiken der Partnerschaft mit Kind respektive Kindern, mitgedacht sind dabei auch die Familien, bei denen sich Eltern nicht in ehelicher Gemeinschaft befinden, aber doch in einer soziologisch vergleichbaren Alltagsstruktur leben. Der erweiterte intergenerative, über drei oder gar vier Generation sich erstreckende Familienverband oder der Kontext der erweiterten Verwandtschaft spielt zwar im Langeschen Familienverband eine besondere Rolle, soll aber hier nicht Thema sein.
Was aber heißt nun Zusammenhalt? Der siebte Familienbericht der Bundesregierung legt im Rückgriff auf die sogenannte Transitionstheorie (Übergangstheorie) die Familie dynamisch auch über das Datum der Trennung oder Scheidung aus. Danach heißt es:
„Ehescheidungen wie auch Wiederheirat werden hier explizit in den Kontext der familialen Entwicklung gestellt und somit nicht mehr als Einzelereignis, sondern als ein Übergang in einer Reihe von Übergängen betrachtet, die die Entwicklung unterschiedlicher Familienstrukturen und die Entwicklung der Mitglieder innerhalb dieser Strukturen bedingen.“ (117)
Diese entwicklungspsychologische Perspektive, Trennung und Scheidung als Übergang in weitere familiale Kontexte zu beschreiben, ist einem nachvollziehbaren Bemühen zur Entdramatisierung von Scheidungen zuzuschreiben. Wenn wir aber im Folgenden von Zusammenhalt reden, dann ist damit - einfach gesagt - die Fortsetzung der familialen Situation „unter einem Dach“ und nicht „getrennt von Tisch und Bett“ gemeint. Auch wenn eine Regel-Kommunikation und auch ein gewisser Zusammenhalt der ehemalig „intakten“ Familie in der Alltagsstruktur auch nach der Scheidung durchaus gelingen kann, so ist doch deutlich zu sagen, dass die Scheidung auch zum völligen Abbruch und Zerriss von Beziehungen der Familienmitglieder führen kann. Auch der Familienbericht bilanziert an anderer Stelle, dass Scheidung „eine Bedrohung für das physische, psychische und ökonomische Wohlbefinden von Erwachsenen“ und sicher auch für Kinder darstellt (119).
Bilanzieren wir die gewonnene Eingrenzung des Themas, so merken wir: es geht um die Frage der Stabilität und Kontinuität der Familie, also um ein Zusammenleben ohne gravierende Abbrüche durch Trennung oder Scheidung, das unter den veränderten Bedingungen der Lebensweise im Zeitalter der Globalisierung zu bewerkstelligen ist. Was diese Eckwerte der Globalisierung sind, dazu später. Nach diesen definitorischen Vorbemerkungen jetzt zur Sache:
2. Familie als permanente Herstellungsleistung
In einem satirischen Kommentar zur Familie aus dem Jahr 1923, überschrieben mit „Die Familie“ formuliert Kurt Tucholsky folgendermaßen:
„Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da. Der verfrühte Optimismus rächte sich, und die Sehnsucht des Menschengeschlechts nach dem Paradies ist hauptsächlich als der glühende Wunsch aufzufassen, einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben zu dürfen. Was ist die Familie? …Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken… Die Familie erscheint meist zu scheußlichen Klumpen geballt und würde bei Aufständen dauernd Gefahr laufen, erschossen zu werden, weil sie grundsätzlich nicht auseinandergeht… Die Familie weiß alles: wann Karlchen die Masern gehabt hat, wie Inge mit ihrem Schneider zufrieden ist, wann Erna den Elektrotechniker heiraten wird, und dass Jenny nach der letzten Auseinandersetzung nun endgültig mit ihrem Mann zusammenleben wird. Derartige Nachrichten pflanzen sich vormittags zwischen elf und eins durch das wehrlose Telefon fort. Die Familie weiß alles, missbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenzigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.“ (Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke 3, 1921-1924, S. 307.)
Auf den realen, familiensoziologischen Hintergrund dieser nahezu sarkastischen Kritik kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Die Satire hat den Vorzug, dass sie pointiert zeitdiagnostisch den Finger auf die Wunde des Alltäglichen legt. Was hier sachlich an Alttäglichkeit durchschimmert, lässt sich nüchtern zusammenfassen: Familie, wie Sie Tucholsky vor Augen hatte, bietet eine auffällige Form sichtbaren Zusammenhalts, oder soziologisch gesprochen, erkennbare raum-zeitliche „Co-Präsenz“ (Giddens) und einen engen informativ-kommunikativen Kontakt. Familie wird demnach zeitlich, räumlich und kommunikativ als Einheit erkennbar. Was aber Tucholsky noch als offenbar selbstverständliche Voraussetzung, ja Wesensmerkmal der Familie mit seinen satirischen Zeilen für den Leser der 20er Jahre des letzten Jahrhundert, fünf Jahre nach Kriegsende, unterstellt, diese Form des zeit-räumlichen und kommunikativen Zusammenhalts hat inzwischen an natürlich sich einstellender Selbstverständlichkeit verloren.
Familie steht heutzutage in der ständigen Herausforderung, sich tagtäglich als Familie herzustellen. Dieser Herstellungsprozess setzt unverzichtbar zeit-räumliche Co-Präsenz voraus und erstreckt sich auf das Alltagsarrangement, also unter anderem auf die Aufteilung und Koordination von Familien- und Erwerbsarbeit und insgesamt auf die Sozialisierung nicht nur der Kinder, sondern auch der Eltern als Eltern. Mit anderen Worten: Familie ist in ihrer Dynamik in einem permanenten Konstruktionsprozess begriffen.
Um diese Aufgabe und ihre besonderen Rahmenbedingungen im Kontext der Globalisierung genauer zu erfassen, soll zunächst auf vier wesentliche Aspekte des historischen Wandels der Familienstruktur eingegangen werden, wie sie im Nachkriegsdeutschland bis gegen Ende der 70er Jahre noch vorherrschend war.
1. Deutschland hat sich in den ersten Dekaden nach dem Krieg wirtschaftlich schwerpunktmäßig als Industrie- und Produktionsstandort ausgebildet, der Agrar- und Dienstleistungssektor spielten eine eher untergeordnete Rolle. Die Industrie unterlag weitgehend der fordistischen Produktionsweise mit standardisierten Arbeitsprozessen im Takt standardisierter Arbeitszeiten und einer in den sechziger Jahren sich immer mehr ausprägenden Kultur des arbeitsfreien Wochenendes und des „Feierabends“.
2. Das arbeitsfreie Wochenende wurde mehr und mehr der Inbegriff eines fortschrittlichen Wohlstands, der außer einem Mehr an Güterwohlstand auch diesen Zugewinn an Zeitwohlstand umfasste.
3. Diese gemeinsame Zeit diente nicht zuletzt auch für Familien der gemeinsamen Freizeitgestaltung und der Stabilisierung der familienbezogenen und weiteren sozialen Beziehungen.
4. Die Aufgabenverteilung von haus- und familiengebundener Reproduktionsarbeit einerseits und der Erwerbsarbeit andererseits war geschlechterspezifisch an der Vollerwerbstätigkeit des männlichen „Familienernährers“ und der häuslichen Sorgearbeit der Frau orientiert. Die öffentliche Infrastruktur, Kindertagesstätten, Schulen, öffentliche Dienstleistungen, Konsum- und Freizeitangebote waren an diese Zeittaktung und das „weibliche Hinterland“ der Familienorganisation ausgerichtet. Entsprechend formuliert der siebte Familienbericht sachgerecht:
„Fordistische Strukturen der klaren Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeiten einschließlich der entsprechenden geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung einerseits und entsprechend aufeinander weitgehend abgestimmter öffentlicher Zeittakte andererseits waren die Bedingungen dafür, dass die Zeitorganisation in Familien sowie zwischen Familien und gesellschaftlichen Institutionen relativ reibungslos verlief.“ (206)
Inzwischen verzeichnen wir zwei maßgebliche Veränderungen: Zum einen ist die fordistische Produktionsweise weitgehend aufgegeben worden und es hat eine rund um die Uhr organisierte wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft auch im Produktionsbereich Platz ergriffen. Zum anderen ist auch die Selbstverständlichkeit der tradierten geschlechterspezifischen Zuordnung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit einer bunten Facette von Lebenskonzepten gewichen, die die Erwerbstätigkeit von Frauen mittlerweile zur Selbstverständlichkeit hat werden lassen. Welche Chancen und Risiken für die Herstellungsleistung als Familie mit dieser Entwicklung einhergehen, wird genauer zu analysieren sein. Vorab aber gilt es nun den Globalisierungskontext zu betrachten, weil er ein spezifisches Verständnis eröffnet für den nur kurz umrissenen Wandel der Familie.
3. Der Wandel der Familie im Kontext von Globalisierungsphänomenen
In Anlehnung an Ulrich Beck, soll im Folgenden begrifflich und sachlich differenziert werden. Bezüglich der Auswirkungen auf die Familien kann es nicht um eine umfängliche, sondern nur diesbezüglich begrenzte und zweckmäßige Darstellung gehen. Beck differenziert begrifflich zwischen Globalität, Globalismus und Globalisierung. Unter Globalität begreift er den bereits von Günter Anders in den fünfziger Jahren eingängig beschriebenen Tatbestand, dass
„nichts, was sich auf unserem Planeten abspielt, nur ein örtlich begrenzter Vorgang ist, sondern dass alle Erfindungen, Siege und Katastrophen die ganze Welt betreffen und wir unser Leben und Handeln, unsere Organisationen und Institutionen entlang der Achse ‚lokal-global’ reorientieren und reorganisieren müssen.“ (30)
Tschernobyl, aber auch der 11.September - das sind zwei diese These erschreckend symptomatisch bestätigende Ereignisse. Das Lokale ist vom Globalen nicht isolierbar, wie umgekehrt Lokales erheblich globale Auswirkungen haben kann. Diese Globalität ist für Beck ein nicht mehr rückgängig zu machendes Phänomen, das sich für ihn an mindestens acht Indikatoren fest macht: Der globalen Vernetzung der Finanzmärkte, der informations- und kommunikationstechnologischen Dauerrevolution, dem universalen Anspruch auf Menschenrechte, den Bilder-Strömen der globalen Kulturindustrien, der wachsenden Macht transnationaler Akteure von Konzernen bis zu Nichtregierungsorganisationen, der globalen Armut, der globalen Umweltzerstörung und schließlich der transkulturellen Konflikte vor Ort, was sich wiederum mit dem 11. September als Ausdruck islamischen Terrors bestätigt hat.
Während Beck unter Globalismus seine Kritik an einer Ideologie zum Ausdruck bringt, die meint, dass ein globaler Neoliberalismus jedwedes politisches Handeln ablöst und der „Staat wie ein Unternehmen zu führen sei“, ist für unseren Zusammenhang seine Definition der Globalisierung interessanter. Sie bezeichnet
„die Prozesse, in deren Folge die Nationalstaaten … durch transnationale Akteure, ihre Machtchancen, Orientierungen, Identitäten und Netzwerke unterlaufen und querverbunden werden.“ (29)
Mit anderen Worten: Die Globalisierung beschreibt negativ die Grenze nationalstaatlicher Regelungsdichte bis hin zur Einflussnahme auf die politische Gestaltung des Lokalen und sie meint zugleich die Entwicklung hin zu einer „Weltgesellschaft … ohne Weltregierung.“
Nach dieser eher großflächigen und allgemein-theoretischen Einführung sollen nun die Auswirkungen dieser Entwicklung hin zu einer globalen Weltgesellschaft auf das Lokale, im Besonderen auf die Familien in Betracht kommen. Zwei wesentliche sind zu nennen, die eine betrifft den Aspekt der Sozialisierung der Individuen inklusive ihrer wertegebundenen Identität, der zweite die Prägung der Lebenslagen, insbesondere der Arbeitswelt und ihrer Flexibilisierungsansprüche.
3.1. Riskante Freiheiten
Zunächst einmal bedeutet die nahezu unbegrenzte Möglichkeit, sich die „Welt ins Haus“ zu holen, sich mit weltweiten Ereignissen, Wertevorstellungen, anderen Kulturen allein durch technologischen Zugriff auf das weltweite Netzt versorgen zu können, dass sich die Sozialisation, die Herausbildung der sozialen und persönlichen Identität nicht mehr binden lassen muss an die Grenze des lokalen Raums. Das Serven im globalen Chatroom, die Bindung der eigenen Lifestyle-Ausrichtung an weltweit bekannten Idolen, die globale Zugänglichkeit von Mode, Konsum und Mainstreams der elektronischen Trendsetter - das sind nur einige wenige gegriffene Beispiele, die deutlich machen, dass Sozialisation, Identitätsbildung und Alltagskultur sich im globalen Rahmen abspielen. Lebensentwürfe und sogenannte „Selbstkonzepte“ sind in eine bislang ungeahnte Dimension der Freiheit gestellt, die tradierte Werte, Rollenmuster und religiöse Bindungen in Frage stellen, beziehungsweise ihre Aneignung als Akt der aktiven Orientierung abverlangen. Dazu schreiben Ulrich Beck und seine Frau Elisabeth Beck-Gernsheim: Unter dem Signum der Globalität wird
„der Mensch … zur Wahl seiner Möglichkeiten, zum homo optionis. Leben, Tod, Geschlecht, Körperlichkeit, Identität, Religion, Ehe, Elternschaft, soziale Bindungen - alles wird sozusagen bis ins Kleinstgedruckte hinein entscheidbar, muss … entscheiden werden.“ (16)
Diese Individualiserung, diese Freiheit zur „Selbstherstellung“ provoziert auf der einen Seite eine groß dimensionierte Erwartungsfülle an das Leben. Die Offenheit des Lebens, Wissen als unbegrenzbare Quelle persönlicher Identität und beruflicher Karriere zu nutzen, die Möglichkeit zur globalen räumlichen Mobilität, die Entdeckung anderer Kulturen und Subkulturen, das Ausprobieren von Lifestilevariationen und religiösen Bindungen, all dies wird zu einem denkbar faszinierenden Radius von Lebensmöglichkeiten. Die Kehrseite ist, dass diese Freiheit auch als tagtägliche „Tyrannei der Möglichkeiten“ (H. Arendt) empfunden werden kann. Wenn nun alle sich in diesem Radius der Freiheit bewegen, verwundert es nicht, wenn Traditionsabbrüche, fragile soziale Netzwerke und eine hohe Fluktuation der Alltagskonstanten auch zu Gefühlen der Bindungslosigkeit und Desorientierung führen. Zudem bleibt nicht aus, dass die erhofften Chancen auf die Realisierung dieser Freiheiten und gedachten Spielräume in Scheitern, falsche Entscheidungen, und Risken umschlagen.
Auch die Ehe wird zu einem Entscheidungswagnis. Das war sie mehr oder weniger immer, sie ist nun aber nicht mehr eine Art verinnerlichtes „Naturgesetz“, sondern einer von vielen denkbaren Lebensentwürfen. Die Ehe wird in der Regel aus Freiheit, nicht aus Konvention, schon gar nicht aus Zwang eingegangen. Die Sorge vor der Aushöhlung dieser Institution durch zu viel Freiheit hat schon im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1888 zu einem Reglementierungsversuch geführt, die Ehe nicht als Akt der Freiheit, sondern als Ausdruck einer übergeordneten sittlichen Ordnung zu begreifen. Dort heißt es:
„Ein deutsches bürgerliches Ges.B. wird der christlichen Gesamtanschauung im Volke gemäß … davon auszugehen haben, dass im Eherecht nicht das Prinzip der individuellen Freiheit der Ehegatten herrscht, sondern die Ehe als eine von dem Willen der Ehegatten unabhängige sittliche und rechtliche Ordnung anzusehen ist.“ (23)
Vollends pervertiert und missbräuchlich verzweckt wird die Ehe im Nationalsozialismus. Anfang der vierziger Jahre hieß es in jedem Stammbuch:
„Zum Geleit! Die Ehe kann nicht Selbstzweck sein, sondern muss dem einen größeren Ziele, der Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse dienen. Adolf Hitler.“
Ich zitiere dies, um deutlich zu machen, dass die Freiheit, die Ehe auf der Grundlage eigenständiger Entscheidung - ohne Nötigung, ohne den Zwang der Konvention und vor allem auch ohne ökonomischen Druck - einzugehen, ein hohes und keineswegs selbstverständliches Gut ist. Aber diese Entscheidung ist natürlich immer zugleich ein Akt von Selbstbegrenzung im Rahmen theoretisch breiter Möglichkeiten des Lebensentwurfs. Und diese Selbstbegrenzung ist eben nicht mehr das kollektiv Selbstverständliche, sondern ist eine individuelle Entscheidung im Konzert vielfacher und auch kontrastreicher Lebensentwürfe des eigenen sozialen Umfeldes. Nachvollziehbar ist demnach auch, dass der Anspruch besteht, innerhalb der Partnerschaft und der Familie möglichst viel an eigenen mitgebrachten Vorstellungen des Lebensentwurfs realisieren zu können.
Nicht von ungefähr spricht man bezüglich des Arrangements innerhalb der Partnerschaft und Ehe auch von einem Aushandlungsprozess, in dem offene und eben nicht vorab selbstverständlich geklärte Fragen zu klären sind: An welchem Wohnort lässt man sich nieder, lieber in der urbanen kulturellen Vielfalt oder eher im ländlich überschaubaren Raum? Wer von beiden geht wie lange welcher Erwerbsarbeit nach? Wie ist die Vorstellung über die männliche Beteiligung an der Haus- und Familienarbeit? Nach welchen Werten und Normen sollen die Kinder erzogen werden? Welche Kindertagesstätte, welche Schule sind zu wählen? Wie stellt man sich männliche und weibliche Freiräume in einer Partnerschaft vor? Mit welchem sozialen Netzwerk will man sich umgeben? Und will man dies gemeinsam tun oder eher getrennt, so dass Frau und Mann jeweils unabhängig von einander eigene Sozialkontakte und Freundschaften pflegen. Beck und Beck-Gernsheim bilanzieren:
„Nachdenken, Überlegen, Planen, Aushandeln, Festlegen, Widerrufen (und alles fängt wieder von vorne an): Das sind die Imperative der ‚riskanten Freiheiten’, unter die das Leben mit Fortschreiten der Moderne gerät.“
Was also in Familien geleistet wird, ist ein ungeheuer komplexer täglicher Herstellungsprozess der Familie als solcher, der eigenständig und ohne standardisierte Vorbilder zu bewerkstelligen ist. Hierbei geht es nicht nur um die Sozialisation der Kinder, sondern auch der Eltern selber als Eltern. Und nachweislich steigen die Erwartungshaltungen besonders von gebildeten, erwerbstätigen Frauen an eine aktiv gestaltende Vaterschaft ihrer Partner. Einerseits, so haben amerikanische Studien belegt, suchen diese Frauen Männer, die sich an Hausarbeit und Kindererziehung aktiv beteiligen (131), andererseits aber wird gerade bei jungen Männern immer noch überwiegend eine Verhaltensweise an den Tag gelegt, die selbstverständlich davon ausgeht, dass die ehemals mütterliche Versorgungsleistung in einer Partnerschaft durch die Partnerin ersetzt wird. Daran wird auch deutlich, dass in Familien selber der Familienalltag der zukünftigen Generation ein Stück weit prägend sozialisiert wird. Mit Sicherheit, ist die zu erbringende Lernleistung, die Elternrolle einzunehmen, für Männer größer als für Frauen.
3.2. Flexibel, mobil und allzeit verfügbar - die Imperative des Arbeitsmarktes im Zeitalter der Globalisierung
Ergänzend zu dem erste genannten Aspekt, der gewissermaßen sozial-psychologischen Auswirkung der Globalisierung auf die Familie, sind nun zwingend auch die externen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die Familiekultur einrichten und arrangieren muss, in den Blick zu nehmen. Die Globalisierung ist, wie Beck und andere aufzeigen, besonders geprägt durch die Internationalisierung der Kapital-, der Güter-, der Dienstleitungsmärkte sowie einer Zeitzonen übergreifenden Informations- und Kommunikationskultur. Die betriebswirtschaftliche Realität muss sich zunehmend an kurzfristigen, global dimensionierten konjunkturellen und saisonalen Schwankungen orientieren.
Der Druck zu einem grundsätzlich rund um die Uhr verfügbaren Dienstleistungs- und Produktionsablauf hat schon seit geraumer Zeit zu einer Flexibilisierungsdynamik nicht nur der Arbeitszeit, sondern auch des Arbeitsmarktes insgesamt geführt. Standards der Arbeitszeit, die Kontinuität der Erwerbsbiografie, die Dauer der Betriebszugehörigkeit und insgesamt die Sicherheit des Arbeitsplatzes, stehen permanent in Frage und lösen bei Beschäftigten ein Lebensgefühl der Unsicherheit und latenten Bedrohung aus.
Es ist eine nachweisliche Realität: Der betriebliche Anspruch an die Beschäftigten, sich selber aktiv an der Sicherung des Standortes zu beteiligen, führt nicht selten zu einer Betriebskultur, die ohne Rücksicht auf persönliche Alltagsplanung oder familiäre Beanspruchungen die Verfügbarkeit für die betrieblichen Belange kompromisslos abverlangt. Der klassische Normalarbeitszeitstandard mit achtstündigen Arbeitstagen von Montag bis Freitag weicht immer mehr einer Vielzahl von Arbeitzeitmodellen wie der Vertrauensarbeitszeit, Gleitarbeitszeitkonzepten mit hohen Zeitkonten oder roulierende und wöchentlich sich ändernden Arbeitszeiten, die teilweise nur sehr kurzfristig angekündigt werden. Der Samstag ist inzwischen wieder zum Regelarbeitstag geworden und der Druck auf den Sonntag wächst immer mehr. Die völlige Freigabe der wöchentlichen Öffnungszeiten im Einzelhandel wie auch die Ausnahmeregelung zur Ladenöffnung an verkaufsoffenen Sonntagen zeigen eine Entwicklung an, die nicht nur das arbeitsfreie Wochenende, sondern auch die sonntägliche Ruhepraxis in Frage stellen.
Der Soziologe Oskar Negt resümiert diesbezüglich:
„Ähnlich wie Globalisierung hat der Begriff der Flexibilisierung in kurzer Zeit einen rasanten Aufstieg in der Skalas soziologischer Schlüsselbegriffe hinter sich gebracht, wobei er im Gegensatz zu diesem ganz überwiegend positiv besetzt ist.“ (171)
Mit anderen Worten: Flexibel zu sein wird zu einem werteorientierten Leitbild erhoben. Mangelnde Bereitschaft zur Verfügbarkeit oder gar Anspruch auf verlässliche Arbeitszeiten zu Gunsten der Familie werden als Mangel an Flexibilität zugleich als die eigentliche Ursache wirtschaftlicher Misere und hoher Arbeitslosenzahlen interpretiert.
Das zweite Leitwort heißt Mobilität. Mehrfach innerhalb einer Erwerbesbiografie abverlangte betriebsbedingte Umzüge, aber auch eine wachsende Bereitschaft zur Distanzüberwindung, um den Arbeitsplatz zu erreichen, sind die Norm. Der siebte Familienbericht belegt, dass die durchschnittliche arbeitsbedingte Abwesenheitszeit von vollerwerbstätigen Männern inklusive der Fortbildungszeit bei wöchentlich 52 Stunden liegt, obwohl die reine Arbeitszeit durchschnittlich etwa 41 Stunden umfasst.
Ein eindrückliches Beispiel dieser umfassenden Mobilitätsansprüche ist mir aus eigenem Erleben noch vor Augen. Ein weltweit agierender Chemiekonzern suchte vor einigen Jahren einen Betriebsleiter für die Londoner Filiale. Der mir bekannte Prokurist des Konzerns verwendete sich damals für einen befreundeten Chemiker, der bislang als leitender Mitarbeiter im Stammhaus gearbeitet hatte. Er bekam die Stelle in London und die fünfköpfige Familie siedelte nach England über mit allen Problemen und Belastungen der Eingewöhnung, die das insbesondere für die schulpflichtigen Kinder mit sich brachte. Nach gut einem Jahr wurde der Konzern von einem amerikanischen übernommen. Innerhalb von einem halben Jahr begann ein Benchmarking-Prozess mit dem Ziel, zwei der europäischen Filialen zu schließen. Dies übrigens nicht, weil sie rote Zahlen schrieben, das tat keiner der Standorte, sondern weil der Gewinn nicht ausreichend erschien. Der mir bekannte Prokurist hatte nun die Aufgabe, sechs Monate lang eine Projektgruppe zu leiten, die diesen Prozess umsetzen musste. Er selber war in dieser Zeit ständig und oftmals wochenlang in Amerika und dem europäischen Ausland unterwegs, sein eigenes Familienleben litt unter dieser unerwartet eintretenden berufsbedingten Abwesenheit. Schließlich war die Entscheidung von der Konzerleitung getroffen: Einer der zu schließenden Standorte war London. Der Leiter des englischen Standortes und einige hundert Mitarbeitende wurden entlassen. Er kehrte zurück nach Deutschland, nun nicht mehr als Erwerbstätiger, sondern als Arbeitsloser. Für mich war diese Begebenheit so eindrücklich, weil sie erschreckend verdeutlicht hat, mit welcher Rigidität der flexible und mobile Einsatz abverlangt wird und das zugleich zu Zwecken, die auch moralisch erheblich belastend sind. Paradox genug: Der eine ist mobil und flexibel unterwegs, um die flexible und mobil getroffene Entscheidung des anderen in die Erfahrung des Scheiterns münden zu lassen. Das zeigt beispielhaft wie die sich eröffnenden Freiheiten im Zeitalter der Globalisierung unter den Anforderungen eines radikalen und globalen Marktes kurzfristig und unerwartet umschlagen können in den Verlust dieser Freiheit, in sozialen Abstieg und auch die drohende Krise in der eigenen Familie.
Lassen Sie uns nun resümieren, was die im Zeitalter der Globalisierung besonders belastenden Aspekte für die Stabilität und das Zusammenleben von Familien sind und was angesichts dessen Familien brauchen. Dazu vier Punkte
4. Konflikt- und Gestaltungsfelder für Familie
4.1 Gemeinsame Zeit - ein kostbares und seltenes Gut
Die Familiesoziologie und Zeitbudgetforschung belegt eindeutig: Familien brauchen unverzichtbare gemeinsame Zeit. Diese Zeit muss planbar und verlässlich sein. Das ist - wenn man so will - die zeitbezogen quantitative Voraussetzung für einen gelingenden Herstellungsprozess von Familien. Wenn die Erwerbsarbeit diese Zeit über einen längeren Zeitraum nicht einräumt, Überstunden oder kurz angekündigte variable Arbeitszeiten, Wochenend- und Schichtarbeit Überhand nehmen - wird diese Zeitkonstellation zum Konfliktpotential des zeitlichen Arrangements der Familien. Die Flexibilität an sich ist nicht das Problem. Konfliktträchtig und mit hoher Bewältigungskompetenz für die Familien belastet sind die Flexibilisierungsstrukturen, die nur auf die rein betrieblichen Belange ausgerichtet sind und die Präferenzen der Beschäftigten unberücksichtig lassen. Beispielsweise ist bei der Entnahme von aufgebauten Zeitkontenständen wichtig, dass die betrieblichen und persönlichen Belange sorgfältig ausbalanciert werden. Die zum Teil vorbildlichen Betriebskulturen von Unternehmen, die sich bewusst als familienfreundliche Unternehmen auszeichnen, müssen zum Trendsetter für die Unternehmenskultur in Deutschland werden. Es nutzt wenig, wenn einerseits Rahmensetzungen für eine familienfreundliche Politik in Bund, Ländern und Kommunen angestrengt werden, diese aber durch betriebliche Ignoranz konterkariert werden. Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass im Zuge der Arbeitsmarktentwicklung, die zwar weiterhin eine hohe Arbeitslosenrate aufweisen wird, aber auch Arbeitskräftemangel in bestimmten Segmenten, viele Betriebe eine Familien fördernde Kultur auch als Wettbewerbsvorteil erkennen werden.
4.2 Die Rituale fehlen oft
Die rein quantitative Zeitbasis alleine gewährleistet jedoch noch nicht einen gelingenden Herstellungsprozess von Familien. Entscheidend dafür ist, dass diese Zeit auch von allen als Familie erlebt wird. Dazu sind Rituale, wie die gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten, das gemeinsame Spielen ebenso wichtig wie besondere gemeinsame Erlebnisse der Freizeitgestaltung. Darüber hinaus ist die rituelle Verlässlichkeit gemeinsamer Zeit auch für die Partnerschaft und die Pflege von Sozialkontakten mit anderen Familienangehörigen und Freunden unverzichtbar. Denn diese Kontakte tragen nicht unerheblich zur Stabilisierung der eigenen Partnerschaft bei, führen zu mentalen Entlastungen beispielsweise durch die Wiederentdeckung eigener Alltagsprobleme im Alltag der Freunde. Sie durchbrechen Isolierungen und negative Individualisierungsprozesse, vergewissern des eigenen Lebenskonzepts oder verstärken positiv Problemanalysen der Alltagskultur.
4.3 Familieninstitutionen müssen sich ändern
Eine dieser - immer wieder zu entdeckenden - Problemanzeigen der Alltagskultur betrifft die Familien flankierenden Institutionen und Dienstleitungen, ob Kindertagestätte oder Schule, ob die lokale Infrastruktur des Einzelhandels, Öffnungszeiten von Arztpraxen oder Freizeitgestaltungsangebote. Es zeigt sich sehr häufig, dass diese Infrastruktur insbesondere der Kindertagestätten und der Schulen noch immer an der fordistisch geprägten Zeittaktung eines acht Stunden umfassenden standardisierten Arbeitstages orientiert ist. Der Zeitnotstand von Frauen, die sich tagtäglich an diesen Zeittakten entlang arrangieren müssen, spricht deutlich dafür, dass die Entwicklung hin zur Ganztagsschule und erweiterte Öffnungszeiten der Kindertagestätten die richtigen Schritte in die richtige Richtung sind.
Um ein Missverständnis auszuräumen: Erweiterte Öffnungszeiten einer Kindetagestätte beispielsweise auf zwölf Stunden am Tag bedeuten ja nicht, dass die Kinder jeweils zwölf Stunden täglich dort untergebracht werden, sondern dass damit ein zeitlicher Korridor gelegt ist, innerhalb dessen - entsprechend der flexiblen Teilzeitbeschäftigung von Frauen - die Kinder mit einem gewissen Grad an Flexibilität betreut werden können. Insbesondere Frauen im Einzelhandel, die in Teilzeit arbeiten und dies mit oft wechselnder Lage ihrer Arbeitszeit, sind - auch zum Wohl des Kindes - auf diese Erweiterung der Öffnungszeiten der Kindertagestätten angewiesen.
4.4 Weibliche Erwerbstätigkeit
Damit kommen wir zu einer der entscheidenden Frage: Ist nicht die Erwerbsarbeit der Frauen Schuld an der ganzen Misere des steigenden Trends von Trennungen und Scheidungen? Dazu ist kurz zu sagen: Nein. Der siebte Familienbericht schreibt dazu: Es gibt sogar „Evidenzen dafür, dass ein eigenständiges Einkommen von Frauen mit einem verminderten Scheidungsrisiko assoziiert ist.“ (127) Aber selbst wenn man in Rechnung stellt, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen des Erwerbslebens und des familialen Alltagsarrangements die Doppelbelastung von Frauen, die ja selbst bei Vollerwerbstätigkeit wesentlich mehr im Haushalt und für die Kinder tätig sind als ihre ebenfalls vollerwerbstätigen Männer die Konflikte in den Familien verstärkt, so spricht das eher dafür, dass die genannten betrieblichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen familienfreundlicher werden müssen, statt dass diese Frauen sich in diese miserablen Bedingungen bedingungslos einfügen und auf die Erwerbstätigkeit verzichten.
Aber lassen Sie uns diese Fragestellung noch vertiefen. Zunächst einmal ist zu fragen, ob diejenigen, die meinen, dass die Frauen doch eher spätestens nach der Geburt des ersten, auf jeden Fall nach der des zweiten Kindes zu Hause bleiben sollten, dies auch für ihre eigenen Töchter so erwarten würden. Zu mindest muss gefragt werden, welche Eltern ihre Töchter heutzutage noch absichtsvoll und allein auf eine spätere „Zukunft“ in der Haus- und Familienarbeit hin sozialisieren. Die Investition in Bildung, das Abitur, die Opair-Zeit in Amerika, das anschließende Jura-Studium und ein „Vollbefriedigend“ mit 28 Jahren im zweiten Examen sind doch nicht die Wegmarkierungen, die jene Eltern erwarten ließen, dass ihre Tochter mit 30 nach der Geburt des ersten Kindes für die nächsten 20 Jahre auf die aussichtsreiche Ausübung ihres Berufes verzichtet.
Erinnern wir uns auch an den Mainstream der Globalisierung, dass auch Frauen heutzutage selbstverständlich in Anspruch nehmen, in ihrem Leben vielfältige Möglichkeiten der Gestaltung zu ergreifen. Es spricht nichts dagegen die frei getroffene Entscheidung von Frauen, sich nach der Geburt des Kindes für Jahre aus dem Berufsleben zu verabschieden. Gelegentlich haben wir ein Klima, das diese Entscheidung diskreditiert. Aber umgekehrt spricht auch nichts dagegen, wenn die Entscheidung für die Berufsausübung getroffen wird. Nochmals: Hier ist die Lernfähigkeit von Männern gefordert, sich in jeder Hinsicht hilfreich als Partner und Vater einzubringen und insofern wirklich als Mann und nicht als zweites, drittes oder viertes zu versorgendes Kind.
Es darf auch nicht übersehen werden, dass Frauen, die erwerbstätig sind - übrigens sind nur etwa ein Viertel der erwerbstätigen Frauen in Familienhaushalten vollerwerbstätig - auch für die Männer etwas Fremdes und Neues ins Haus holen. Die Festigung der Beziehung durch das gemeinsame Gespräch über Erfolge oder Misserfolge im Erwerbsleben, die Erfahrung, den eigenen Partner als Stütze und hilfreiches Gegenüber zu erleben, ist eine mit Sicherheit nicht zu unterschätzende Komponente für die Festigung einer guten Partnerschaft und stabilen Familie.
Schließlich ist ein Hinweis unentbehrlich: Natürlich ist nicht jede Entscheidung für die doppelte Erwerbstätigkeit frei von ökonomischen Zwängen. Im Gegenteil: Angesichts der wachsenden Armut insbesondere von Kindern - allein in NRW ist es jedes vierte Kind, das von einem Armutsrisiko betroffen ist - ist der Druck in vielen Familien hoch, durch doppelte Erwerbstätigkeit dem Armutsrisiko zu entkommen. Auch diese Armutsentwicklung ist eine Folge von Globalisierungseffekten, worauf aber hier nicht weiter eingegangen werden kann.
Wir sehen: Familie hat sich unter der Last einer Reihe von komplexen Beanspruchungen zu bewähren:
• Die verlässliche Pflege und Familien fördernde Verwendung gemeinsamer Zeit im Konflikt mit betrieblich teilweise überfordernden Ansprüchen auf Verfügbarkeit, Flexibilität und Mobilität.
• Der Wunsch nach intensiven und stützenden Sozialkontakten und Freunden im Konflikt mit dem oft schwer herstellbaren aber dazu erforderlichen zeitlichen Arrangement.
• Das Erleben des Familienalltags im denkbaren Konflikt mit den ursprünglichen Erwartungen, die Mann und Frau an Familie und an die Gestaltung von Partnerschaft hatten.
• Die hoch beanspruchende Koordinationsleistung unter der Doppelbelastung von Erwerbs- und Familienarbeit im Konflikt mit einer zeit-räumlich familienunfreundlichen Infrastruktur.
• Die Einübung in eine umfassend zu begreifende Rolle der Männer als Väter, Partner und Hausmänner im Konflikt mit tradierten Rollenzuschreibungen und einer dafür wenig aufgeschlossenen Betriebskultur am Arbeitsplatz.
• Und schließlich: Die ökonomische Situation der latenten oder effektiven Armut, die konfliktreich den Familienalltag belastet und im Widerspruch steht zum sichtbaren Reichtum vieler anderer Familien, die schön gebräunt aus dem Robinson-Club-Urlaub aus Mallorca zurückgekehrt sind.
Das sind sicherlich wesentliche Konfliktlinien, die an der Stabilität und dem Zusammenhalt der Familien nagen und die viele überfordert zu dem Schritt der Trennung oder Scheidung veranlasst. Die Strukturverbesserungen und sozialen Arrangements, die diesbezüglich erbracht werden müssten, habe ich, wenn auch nicht erschöpfend, benannt. Aber wie ist es, so die abschließende Frage, mit den Werten und Normen. Müsste nicht die Kirche beispielsweise unter Bezug auf das sechste Gebot, wesentlich orientierender und reglementierender in diese Situation hinein sprechen? Dazu also drei letzte Aspekte.
5. Und was sagt und macht die Kirche?
5.1 Leben in Verantwortung
Es ist kein geringerer als der Schweizer Theologe Karl Barth, der in seiner „Kirchlichen Dogmatik“ überraschenderweise folgende Sätze geschrieben hat:
„Das Wort und der Begriff ‚Familie’ wird hier mit Bewusstsein mit Schweigen übergangen. Das Wort bezeichnet ursprünglich (famulus!) das Dienstgesinde - die einem Mächtigen angehörigen Leibeigenen, aber auch eine Fechter- oder Schauspielergruppe können familia heißen! - wird dann zur umfassenden Bezeichnung dessen, was wir heute so heißen: eines Geschlechtes, einer Sippe, eines Clans oder einer Untergruppe eines solchen Verwandtschaftskollektivs. Gerade in diesem unserem engeren Sinn verstanden ist der Begriff der Familie kein für die christliche Theologie interessanter Begriff.“
Diese nüchterne und möglicherweise befremdliche Zurückhaltung, der Familie eine besondere theologische Würde zuzuweisen, steht sicher im Widerspruch zur katholisch aufgebauten Familienmoral und -ethik. Aber biblisch-theologisch betrachtet hat Karl Barth Recht: Die Familie kommt zwar biblisch vor, aber sie hat keine eigene nur für sie geltende theologische Dignität. Was aber zählt, ist immer die übergeordnete Sozialität des Volkes Israel oder des Volkes Gottes oder auch der christlichen Gemeinde im Neuen Testament. Insofern lässt sich aber umgekehrt sagen: Was die beiden Testamente über die Anforderung eines Lebens „vor Gott“, eines den Weisungen der Tora und den Weisungen des Juden Jesus von Nazareth gegenüber verantwortlichen Lebens sagen, bezieht sich auf alle sozialen Gemeinschaften gleichermaßen und damit eben auch auf das Leben der Familien. Kurz gefasst: Ein Leben in der Liebe zum Nächsten unter selbstverständlicher Voraussetzung der Liebe zum eigenen Leben und zu sich selbst, ein Leben, das nach Maßgabe der sozialen Gerechtigkeit, die Not anderer zur unabweisbaren Herausforderung hilfreichen Handelns werden lässt, ein Leben, das sich der vernichtenden und Leben nehmenden Gewalt versagt und Frieden schafft nicht nur im Großen, sondern auch vor Ort, eben auch in der Familie - das sind einige wenige aber doch zentrale Wegeweisungen beider Testamente.
5.2 Du sollst nicht ehebrechen…
Wie aber steht es nun mit dem sechsten Gebot: Du sollst nicht ehebrechen. Was ist gemeint? Der Alttestamentler Frank Crüsemann verweist aufschlussreich für das Verständnis dieses Gebots auf den Sitz im Leben und den soziologischen Zusammenhang des Familienlebens, also den Kontext, in dem dieses Gebot zu bewerten ist. Er sagt, dass dieses Gebot zunächst einmal nicht
„als moralisches oder primär sexuelles Verbot in Sicht (ist). Es geht in ihm … um Lebenssicherung des Nächsten und seiner Familie“… Leben war damals, jedenfalls außerhalb der wenigen großen Städte, ausschließlich innerhalb der Familie möglich. In ihrer Hand lag die Produktion alles zum Leben Notwendigen, vor allem der täglichen Nahrungsmittel. … Die Großfamilie war ökonomisch weitgehend autonom und ihre Größe wie Struktur war auf diese Aufgabe hin angelegt - nicht nur in Israel, sondern tendenziell in allen vergleichbaren Gegenden und Völkern. Nur eine solche Familie konnte - und sie musste! - Generationen übergreifend die Lebensgrundlage für alle Mitglieder bereitstellen. Dazu gehörte z.B. die Sicherung des Erbbesitzes, das Aufziehen von legitimen Söhnen als Erben und Garanten der Alterssicherung etc. … Und bei Ehebruch stand natürlich all das auf dem Spiel, mindestens potentiell. Die Legitimität des Nachkommen, die Erhaltung der Familie und ihres Grundbesitzes - um all das ging es dabei auch. Es drohte tatsächliche und ganz real, die Lebensgrundlage des Nachbarn in Frage zu stellen.“ (69f.)
Es geht also bei diesem Gebot um die Folgen des Ehebruchs - nämlich die Zerstörung der materiellen Grundlagen der Existenz, eine Form der zerstörerischen Gewalt und eine ökonomische Katastrophe für die Betroffenen.
Hinzu kommt ein Zweites. Die Scheidung ist auch trotz dieses Gebots im Ersten Testament als Praxis bezeugt und geregelt, allerdings war sie nur das Vorrecht des Mannes, einer Frau stand dieses Recht gar nicht zu. Dieser Hinweis soll nur andeuten, dass biblische Texte zwingend in ihrem historischen Kontext zu betrachten sind, um verständlich zu sein. Anders gesagt: Was zur Zeit der beiden Testamente Praxis war oder nicht, lässt sich nicht einfach normativ für heutige Verhältnisse umsetzen, was im Fall der einseitig männlich initiierten Scheidungspraxis auch nicht ratsam wäre. Das gegenwärtige Scheidungs- und Unterhaltsrecht ist ja gerade bemüht, die ökonomischen Auswirkungen der Scheidung zumindest einigermaßen gerecht zu verteilen und damit den rein ökonomischen Zwang zum Familienzusammenhalt einzugrenzen. Familienzusammenhalt ist ein Akt der Freiheit! Familie und Ehe soll eine auf Freiheit beruhende, private Entscheidung sein können. Mit anderen Worten: Die Lebenssicherung, die damals durch die Scheidung in Frage stand und deshalb unterbleiben sollte, steht in der heutigen Rechtspraxis durch eine Scheidung nicht in Frage.
Wenn wir also nicht einfach biblizistisch ein alt- oder neutestamentliches Zitat anführen können, um dies normativ für heute anzuwenden, ist dennoch nicht gesagt, dass wir nicht als Kirche Stellung beziehen müssen. Die biblische Überlieferung ist für eine christliche Sozialethik elementarer Bezugspunkt, um diese aktuell, zeit- und kontextbezogen zu entwickeln. Nun lässt sich die sozialethische Praxis beispielsweise in den evangelischen und diakonischen Ehe- und Lebensberatungsstellen nicht einfach normierend gestalten. Die Beratung ist bewusst als ergebnisoffene konzipiert, weil sie immer eine Güterabwägung treffen muss. Aber bei dieser Güterabwägung geht es eben genau um die Themen, die ich bereits genannt habe. Es geht um die Frage der Verantwortung beispielsweise gegenüber den Kindern, aber auch dem Partner und der Partnerin. Letztlich ist die Frage zu stellen. Was ist das Beste für alle Beteiligten, auch für die Kinder? Und es muss weiter gefragt, wie Lebensmöglichkeiten eröffnet werden können, die möglicherweise auch durch eine Krise hindurch wieder in Sicht kommen und die ein Leben ermöglichen, das etwas widerspiegelt von dem, was - verkürzt gesagt - Gnade Gottes heißt. Ich will diese Ambivalenz kurz umreißen. Zum einen bin ich der Meinung, dass auch in den Beratungssituationen sehr abwägend angefragt werden muss, ob eine Trennung nicht zu leichtfertig angegangen wird. Theologisch steht dahinter der Gedanke, dass die Auferstehung, also der Glaube daran, dass Gott nicht nur im Leid präsent ist, sondern auch die Leid und Tod bringende Macht durchbrochen hat, auch Hoffnung und eine gewisse Leidensfähigkeit stärken kann, auf die Wiederbelebung einer tot geglaubten Beziehung zu setzen. Aber auch das hat seine Grenzen da, wo ein Weiterleben in einer Partnerschaft und Ehe eher beutet, alle Hoffnung und Lebenskraft zu verlieren oder auch den Kindern ein Maß an Konflikt, Streit oder gar Gewalt zuzumuten, das nicht mehr zu verantworten ist. In diesen Fällen den Betroffenen nicht den Wege aufzuzeigen, wie sie geschützt und gestärkt Trennungsprozesse vollziehen können und sich dabei auf eine wie auch immer geartete christliche Norm berufen zu wollen, wäre ein Akt der Gnadenlosigkeit.
5.3 Die Sonntagskirche - Zeit für Familien
Kirche und Diakonie können einen eigenen Beitrag zur Stabilisierung der Familien leisten, der sich gezielt an den aufgezeigten Belastungsphänomenen von Familien orientiert. Die Ansätze sind zahlreich: Zu nennen sind die vielfältigen Beratungsleistungen in der Ehe- und Lebensberatung oder der Schuldnerberatung, die Familienbildungsstätten und Kindertagestätten, die Projekte der sozialen Netzwerkarbeit in besonders benachteiligten Wohngebieten, die Seelsorge der Pfarrer und Pfarrerinnen, die Begleitung bei Kasualhandlungen, die vielen Erwachsengesprächskreise, Kinder- und Jugendfreizeiten und nicht zuletzt die Pflegeleistung, die besonders den Frauen der Familien zugute kommen, die zusätzlich zu ihrer familialen Beanspruchung auch noch die Pflege für ältere Angehörige übernehmen. Das ist keine Heiligsprechung von Kirche und Diakonie, aber es zeigt an, dass nur jeweils in diesen vielfältigen individuellen Kontexten wirklich Stabilisierung von Familien geleistet werden kann. Das ist nicht mit einem Satz von der Kanzel oder einer Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland erledigt.
Was allerdings die Kirche zu wenig betreibt, ist, den Sonntag so zu gestalten, dass er Sogkraft für Familien hat. Damit meine ich nicht nur den Gottesdienst, sondern den Sonntag als ganzes. Wie erwähnt, ist eines der deutlich feststellbaren Probleme der Familien, die zeitliche Belastung. Zwar ist der Sonntag noch immer überwiegend ein arbeitsfreier Tag, aber er ist zugleich auch mit hohen Erwartungen und Belastungen verknüpft.
Was - so wäre zu fragen - könnte Kirche hier alles leisten an Entlastung, an Begegnung, an Beratung, an Vergewisserung, an Gemeinschaft, wenn sie zu einer Sonntagskirche würde. Stellen Sie sich vor, Sie wüssten, wenigstens einmal im Monat gibt es im Anschluss an einen kurzweiligen und familienfreundlichen Gottesdienst ein wirklich gutes Mittagessen, für die Kinder ist ein tolles Freizeitangebot arrangiert, die Erwachsenen haben die Möglichkeit, sich im wahrsten Sinne einmal bedienen zu lassen nicht nur mit einem guten Essen und einem guten Wein, sondern auch mit Geselligkeit und Gemeinschaft, mit den Möglichkeiten sich beraten zu lassen, wenn sie neu zugezogen sind, mit der Möglichkeit zu diskutieren, weil die neue Bebauung des Stadtteils bei dieser Zusammenkunft vorgestellt wird, mit Kunst, Kultur, Musik, Gespräch, Seelsorge, Beratung, Kaffe und Kuchen…
Nun das würde nicht das Ende von Trennung und Scheidung bedeuten, es würde auch nicht die Folgen der Globalisierung aufhalten, aber es würde doch die Kirche wirklich wieder ins Dorf holen und den sonntäglich auf Eventsuche befindlichen Familien vielleicht ein Stück dessen vermitteln, was Gemeinschaft heißt in der Familie, mit der Familie und mit anderen Familien.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Dr. Uwe Becker