Rede zum 90. Geburtstag von
Margarete Gräfin Carmer, geb Berg (VII a 2-2)
von ihrem Neffen und Patensohn, Klaus Gessert (VII a 2-1-1),
am 11.08.2002 im Waldhof in Solingen
Liebe Tante Grete!
Wir sind froh und dankbar, dass wir heute hier sein dürfen, um mit Dir zusammen Deinen 90. Geburtstag feiern zu dürfen.
Ich überlegte in den letzten Wochen, wann und wo wir in unsren Leben etwas zusammen erlebt haben, und kam zu folgendem Ergebnis:
Im Sommer 1945 tratst Du in der Abenddämmerung eines herrlichen Sommertages mit einem lauten Hupton zum ersten mal in mein Bewusstsein. Eine Männerstimme fragte, ob hier eine Frau Ruth Gessert wohne, was wir bejahten.
Wir, das waren meine Mutter, Deine Schwester Ruth, mein Bruder Arwed mit ca. 1,5 Jahren und ich mit 9 Jahren. Wir waren wegen der Bombenangriffe auf Düsseldorf und Solingen zu den Eltern meines Vaters nach Roda bei Ilmenau einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Erfurt evakuiert worden. Bis Kriegsende ging das alles ganz gut, denn da gab es noch Lebensmittelkarten und damit etwas zu essen. Mit dem Kriegsende Anfang Mai 1945 wurde das anders. Man musste selbst zusehen, wie man an etwas Essbares kam. Unser größter Schatz waren ein Sack Kartoffeln und ein Sack Möhren. Den Rest holten wir uns von den Wiesen und aus dem Wald. Unser tägliches Menu bestand aus einer Sauerampfersuppe, zubereitet mit frischem Dorfwasser und zart abgeschmeckt mit einer priese Salz, als Hauptmahlzeit Kartoffelscheiben fein geschnitten auf der Ofenplatte angeröstet, Möhrengemüse, Pfifferlingen und Steinpilzen geschmort im eigenen Saft dazu frische Löwenzahnblätter und als Nachtisch Waldbeeren der Saison. Keiner hatte ein Gramm Fett zuviel am Körper, eher zu wenig. Heute zahlt man in Sanatorien ein Heidengeld dafür, um so in Form zu kommen und schafft es nur schwer.
Um wieder zur Sache zu kommen, der Fahrer erklärte uns, dass Du ihn geschickt hättest, um uns noch vor Mitternacht über die spätere Zonengrenze zu bringen. Die Amerikaner hatten ja zunächst Thüringen eingenommen. Aufgrund eines Abkommens mussten sie sich zurückziehen und Thüringen den Russen überlassen. Er gab uns 10 Minuten Zeit, in denen wir alles Unwichtige zusammenrafften, und dann ging die Jagt durch die Nacht los. Der Fahrer musste wohl in seiner Glanzzeit Rennfahrer auf der Avus in Berlin gewesen sein, er schaffte es und irgendwann kamen wir in Bennigsen, einem kleinen Ort ca. 20 km südlich von Hannover, an.
Die Freude war riesengroß, als sich die drei Schwestern wiedersahen: Das waren meine Mutter Ruth, du, liebe Tante Grete, und Tante Mulli, die mit ihrem Sohn Axel - evakuiert aus Dülken – auch dort waren. Es begann eine Zeit wie im Scharaffenland. Es gab wieder richtiges Essen und sogar ab und zu einen Braten aus dem Taubenschlag. Gegenüber Eures Hauses gab es einen großen Gemüsegarten mit wunderschöner Kapuzinerkresse und köstlichen Tomaten, wenn sie sonnenwarm und duftend gleich frisch von der Staude gegessen wurden. Ich frage mich heute wieso damals die Tomaten so gut gediehen sind, ohne Pestizide und Kunstdünger. Was war das für eine schöne Zeit!
Es gab aufregende Dinge auf dem Gut für einen kleinen Jungen von 9 Jahren:
- Deutz-Traktoren mit Glühkopfzündung, bei dem man das Lenkrad mit der Lenksäule abklemmen musste, um den Trecker mit einem Schwungrad an zu schmeißen. Die besondere Freude bestand nun darin, einen Gang einzulegen ohne dass die Treckerfahrer das vorher merkten. Dann mussten sie immer hinter dem Trecker herlaufen, sobald der Motor ansprang.
- Dann kam eines Tages der große Dampfflug. Das waren zwei Lokomotiven, die auf der Strasse fahren konnten und sich auf einem Acker gegenüber aufstellten. Zwischen ihnen wurde ein Seil gespannt und an diesem ein enormer Pflug hin und her zogen. Es machte einen Heidenspaß auf dem Pflug zu sitzen oder in einer der Lokomotiven die riesigen Kohlebrocken in das Feuerloch zu schmeißen.
- Die größte Attraktion war jedoch Dein kleiner Ponywagen mit Gummirädern, den Du für Deine Rundfahrten benutztest. Ich durfte oft mitfahren und ihn sogar ab und zu alleine benutzen. Da wir länger in Bennigsen blieben, wurde ich in die Dorfschule eingeschult. Die Lehrerin war besonders nett und ich schwärmte für sie. Einmal durfte ich sie sogar mit dem Ponywagen spazieren fahren. Das war so aufregend, dass ich darüber die Zeit vergaß und zu spät nachhause kam. Das gab ein kleines Donnerwetter, da Du noch wegfahren wolltest. Aber das war schnell wieder vergessen.
- Zu meinem Geburtstag schenktest Du mir zwei Bücher von Manfred Kyber – Tiergeschichten -. Meine Lieblingsgeschichte wurde Mariechen Knusperkorn und Ambrosius Dauerspeck.
- Als Patentante fühltest Du Dich wohl auch für mein feines Benehmen bei Tisch verantwortlich. Du besorgtest zwei Holzbrettchen, die ich unter beide Arme klemmen mußte, bis ich niemanden mehr beim Essen mit meinen Ellenbogen aufspießte.
Irgendwann im Herbst 1945 waren dann die ersten Notbrücken von den Alliierten über die Flüsse gebaut worden, und wir konnten in einem offenen Lastwagen mit Anhänger, der ins Rheinland fuhr, mitgenommen werden. Reichlich versorgt mit Butterstullen, bestrichen mit selbstgemachter Leberwurst, ging die aufregende Fahrt los. Übernachtet wurde im Stroh in Bauernhöfen und Scheunen, die an der Straße lagen. Wenn sich heute die armen Leute im Norden Brasiliens (Anm.: Der Redner lebt seit ca. 40 Jahren in Brasilien.) ähnlich fortbewegen, berichtet die Presse über die unwürdigen Zustände in Brasilien. Wir waren damals jedenfalls sehr froh, nach Solingen zu kommen.
Im Jahr darauf ludst Du Opapa (Eugen Berg, meinen Großvater und Deinen Vater (VII, a-2) nach Bennigsen ein, um ihn wieder richtig aufzupäppeln und ich durfte mitkommen. Ich hatte dort einen Freund, Hans Spektor. Mit dem zusammen spielte ich den ganzen Tag lang und die Tage konnten nicht lang genug sein.
Eines Tages war das ganze Dorf in Aufruhr. Ein kleiner Wanderzirkus kam nach Bennigsen und schlug sein Zelt auf. Wir gingen alle hin, inklusive Opapa. Es war das Schönste, was ich bis dahin in meinem Leben gesehen hatte: ein Clown, ein glitzerndes Mädchen am Trapez, ein Affe machte Kunststücke auf dem Rücken eines Ponys, dressierte Hündchen machten Kunststücke u.s.w. Ich war im 7. Himmel bis Opapa sagte, dass er noch nie eine so traurige Vorstellung gesehen hätte und der musste es ja wissen. Da merkte ich, was das geflügelte Wort "himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt" bedeutet.
Du, liebe Tante Grete, zeigtest mir im Hühnerstall, wie man zwei Löcher in ein Ei macht, um es dann austrinken zu können. Und mit meinem Freund sprang ich im Kornspeicher in einen riesigen Kornhaufen. Wir schwammen darin wie Donald Duck in seinen Geldbergen.
Mit einem Wort, die Ferien waren einfach viel zu kurz.
Unser nächstes gemeinsames Erlebnis war eine Reise zusammen von Solingen nach Garmisch, wo Opapa und Omama zur Kur weilten. Otto fuhr mit uns im neuen weinroten Mercedes Kabriolett hin. Die Reise ging über Stuttgart, wo wir bei Arno und Leony übernachteten. Die Wohnung war so klein, dass ich nur in der Badewanne Platz hatte, aber es schläft sich bis zu einem gewissen Alter recht gut darin. In Garmisch schenkte mir Opapa eine Fahrt mit der Zahnradbahn auf die Zugspitze. Er sagte dazu: "Zieh Dich warm an, da oben ist es eiskalt." Ich liebte es, zu dieser Zeit in kurzen Hosen zu gehen, und dachte mir, so kalt kann es ja wohl nicht sein, wenn es hier unten 25° sind. Ich kann Euch sagen, ich habe nie wieder in meinem Leben so gefroren wie auf der Fahrt zur Zugspitze. Seitdem höre ich immer gut hin, wenn ältere Menschen mit mehr Erfahrung mir gutgemeinte Ratschläge geben.
Dann kam eine lange Zeit, wo wir uns nur sporadisch kurz sahen, bei Deiner Hochzeit, Geburtstagen von Onkel Hans, Sylvester etc.
Du halfst dabei - durch deine Freundschaft mit Familie Böcking - mich auf die Waldorfschule nach Unterbarmen zu bringen. Ich besuchte den Konfirmandenunterricht in der Christengemeinschaft in Düsseldorf ohne die geringste Ahnung zu haben, was hinter beidem steckt. Du fingst mit biologisch dynamischer Landwirtschaft an, alle lächelten darüber und ich natürlich auch.
Nach meinem Studium wanderten wir (meine Mutter, ihr zweiter Mann und ich) nach Brasilien aus und bauten die Gerobrás auf. 1976 kauften wir ein großes Fabrikgelände. Zu dieser Zeit hörten wir im Fernsehen eine Reportage über den Großmarkt von Sao Paulo. Man hatte das Gemüse untersucht und es war so voller Pestizide, dass es für menschlichen Genuss ungeeignet sei. Daraufhin entschlossen wir, auf einem Teil des Fabrikgeländes einen Gartenbau aufzuziehen. Meine Mutter war sehr glücklich: Gerade zu diesem Zeitpunkt fing rein zufällig die erste Vortragsreihe über biologisch dynamische Anbauweise in Sao Paulo für alle, die nicht an Karma glaubten, an. Tori, meine Frau, und ich schrieben uns ein und bekamen bald Spaß daran. Wir kamen so in die Kreise der ersten Bio – Anbauer und machten alle paar Monate bei den Hofbegehungen der Höfe in Umstellung mit. Unser eigener Gartenbau brachte nun gesundes Gemüse und Salat, auch für unsere Freunde und Verwandten.
Angeregt durch die Kurse begannen wir einen anthroposophischen Lesekreis zu besuchen und so fingen wir langsam an, Dich zu verstehen und die gleiche Sprache zu sprechen. Wir wollten nun auch anfangen, unsere eigenen Präparate herzustellen und Kurse zu geben für Interessierte, die in Sao Paulo und Umgebung wohnten, damit diese nicht immer nach Botucatu, dem Biologisch Dynamischen Forschungszentrum in Brasilien zu reisen brauchten. Dazu stellten wir Marcos Hoffmann ein, einen biologisch dynamischen Landwirt. Er stellte es sich zur Aufgabe, Anbaumethoden für abschüssige Gelände zu entwickeln. Wir schickten ihn für ein Jahr mit seiner Familie nach Deutschland, damit er an verschiedenen Forschungszentren Erfahrung sammeln konnte. Du, liebe Tante Grete, hast tatkräftig mit geholfen die Familie hier unterzubringen. Nach einem Jahr kam Marcos zurück und die Kurse begannen auf unserem Rancho dos Altos.
Du kamst nun ab und zu nach Südamerika um Deinen Sohn Friedel in Uruguay / Paraguay zu besuchen und Deine Schwester Ruth und uns in Sao Paulo. Du legtest deine Reisen immer so, dass Du zusammen mit uns Kurse von Maria Thun, Herrn Richter , Herrn Schmidt etc. mitmachen konntest. Es waren immer sehr schöne und erlebnisreiche Tage zusammen. Die Arbeit auf dem Rancho dos Altos wurde am 28.02.1986 plötzlich unterbrochen, da die Regierung - um die Inflation zu stoppen - alle Preise einfror. Das belastete unsere Firma, die die Forschung trug, mit 32%, so dass wir monatlich ca. 100.000,00 $US verloren und alles für die Firma nicht Lebensnotwendige streichen mussten. Zur gleichen Zeit bat man uns, in den Trägerverein der Waldorfschule zu kommen, in dem wir nun seit ca. 20 Jahren mit helfen, unsere und andere Waldorfschulen in Brasilien auszubauen.
Diese Aktivitäten im anthroposophischen Sinn haben uns sehr mit Dir verbunden und es ist sicher kein Zufall, dass Du meine Patentante geworden bist. Es ist nur schade, dass wir so weit entfernt wohnen und uns nicht mehr oder nur so selten unterhalten können.
Immer werden uns die wunderschöne Ferientage, die wir zusammen mit Friedel und Marcos auf unserem Hof in den Bergen in Campo Verde und auch auf dem Rancho von Friedel in Atlantida in Uruguay verbrachten, in schöner Erinnerung bleiben.
Ich möchte diese Rückschau abschließen mit einem Spruch von Emil Bock aus "Die drei Jahre" und Regina und Axel (VII a, 2-3-1) ganz herzlich dafür danken, dass wir diese schönen Familienfeste immer im Waldhof zusammen feiern dürfen.
Emil Bock:
....."das Einzige was auf die Dauer den Menschen gesund erhalten kann, ist die Entwicklung der inneren Initiative und Aktivität. Wer sich, um sich zu schonen, nur zu 50% einsetzt, legt in Wirklichkeit den Grund zu Schwäche und Krankheit."